Juli 2011: Die Orakel-Weltmeister

Die WM im eigenen Land ist für die Frauenfußball-Nationalmannschaft eher mittelmäßig gelaufen. In drei von vier Spielen boten die DFB-Frauen eine dürftige Vorstellung und scheiterten bereits im Viertelfinale an Japan. Ihr Ausscheiden durfte bei der spielerischen Leistung niemanden wirklich überraschen, es sei denn, man hatte die „Unsere Mädels“-Brille auf. Und genau das war das Problem bei der medialen Begleitung dieser WM (siehe auch Ausgeträumt).

Dass „wir Weltmeister werden“, stand im deutschen Blätter- und Onlinewald schon lange vorher fest. Wie sollten wir auch nicht? Weltmeister 2003, Weltmeister 2007, jetzt WM im eigenen Land – unverschämt eigentlich, dass auch noch andere, wie die USA und Brasilien, Ambitionen auf den Titel äußerten. Unseren Titel! Na, denen würden „wir“ es aber zeigen.

Die Bild konnte sich, wie nicht anders zu erwarten, schon lange vor dem ersten Spiel vor Euphorie kaum halten und drehte nach dem knappen Auftaktsieg endgültig ab („Märchenstart!“). Aber auch seriöse Medien zogen ein vorzeitiges Scheitern nicht mal ansatzweise in Betracht.

Spiegel Online schrieb am Tag vor dem Viertelfinal-Aus gegen Japan:

„Mit Japan und vermutlich Schweden hat man in Viertel- und Halbfinale schlagbare Gegnerinnen, während sich (…) die gefährlichste Konkurrenz aus den USA und Brasilien schon im Viertelfinale trifft (…).  Der Weg nach Frankfurt ins Endspiel – er scheint für Deutschland vorgezeichnet.“

Und ARD und ZDF feierten mit Slogans wie „Dritte Plätze sind was für Männer“ schon mal eifrig vor. Nun ja, bewahrheitet hat der sich ja tatsächlich, wenn auch anders als erwartet.

Sie alle wussten nicht nur schon vorher, dass Deutschland Weltmeister wird. Das war ja bloß die Pflicht. Die Kür: Der Frauenfußball in Deutschland sollte 2011 endlich seinen großen Durchbruch erleben, die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sollten deutlich steigen, niemand sollte die Spielerinnen mehr abschätzig mit ihren männlichen Kollegen
vergleichen. Große Ziele – und eine schier unlösbare Aufgabe für das DFB-Team, auf dessen Schultern die Verantwortung für all das ruhte.

Als Toren des Monats dürfen sich daher die Medien fühlen, die schon öffentlich den Titel gefeiert und dabei vergessen haben, dass man ein Turnier auch erfolgreich spielen muss, bevor man den Pokal kriegt.

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