Brauchen wir den Videobeweis?

Dennis sagt Pro:

Der Fußball muss im 21. Jahrhundert ankommen

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“(Michail Gorbatschow)

Einst stellte sowjetische Staatspräsident mit diesem Satz die ewiggestrige DDR-Diktatur vor der Weltöffentlichkeit bloß. Genau diese Worte ließen sich heute auch auf das Regime Führungsgremium der FIFA anwenden. Während in anderen Sportarten wie Tennis, Eishockey oder American Football die technischen Fortschritte genutzt werden um das Spiel gerechter und nachvollziehbarer zu machen, verweigert sich die Züricher Rentnergang bislang allen Hilfsmitteln. Statt den Videobeweis einzuführen, will Blatter nun lieber ein Profi-Schiedsrichtertum aufbauen. Als ob dadurch ein Herr Stark besser gucken könnte..

„Fehlentscheidungen gehören zum Fußball dazu.“ Das ist eines der Lieblingsargumente der Videobeweisgegner. Ein sehr trauriges. Ich will euch jetzt gar nicht mit einer Litanei über den nicht gegebenen Elfer 1992 in Rostock nerven, der meiner Eintracht die sichere Meisterschaft gekostet hat. Nein, ich frage mich, was wohl der durchschnittliche Clubberer denkt, wenn er dieses Argument hört und an das Phantomtor von 1994 denkt. Thomas Helmer schoss damals beim Stand von 0:0 den Ball am Tor vorbeigeschossen – doch Schiri Osmers auf Winken des Linienrichters hin auf Tor entschieden. Das Spiel ging letztlich 2:1 für Bayern aus. Das vom DFB verordnete Wiederholungsspiel gewannen die Bayern mit 5:0 und am Ende fehlten den Clubberern genau ein Punkt zum Klassenerhalt. Soviel übrigens auch zum Thema „Im Laufe einer Saison gleicht sich alles …

Wenn man den Videobeweis wie im Eishockey auf strittige Torentscheidungen begrenzt, ist auch die dadurch entstehende Verzögerung verschwindend gering. Mittels einer perfekt positionierten Torkamera könnte man in wenigen Sekunden über Tor oder nicht Tor entscheiden. Der Stimmung im Stadion tun diese kurzen Momente ebenfalls keinen Abbruch: Beim Tennis oder Football zeigt sich, dass sie für die Zuschauer eher Highlight denn Stimmungstöter sind.

Blatters Haltung entspricht recht genau der Adenauer-Maxime „Keine Experimente.“ Aber die Welt dreht sich weiter und auch der Fußball ist heute nicht mehr derselbe wie vor 50 Jahren. Warum sollte er auch? Die in den 90er Jahren eingeführte Rückpassregel wurde bei der Einführung von Kommentatoren und Profis gleichermaßen gescholten. Doch sie hat eindeutig das Zeitspiel verringert und das Spieltempo erhöht. Ähnliches kann man über die erst in den 70er Jahren eingeführte Gelbe Karte sagen. Wir haben heute die technische Möglichkeit, den Fußball wieder ein Stück gerechter zu machen. Wir sollten sie ergreifen.

Torsten sagt Contra:

Die Menschlichkeit muss bleiben

Man stelle sich mal vor, Claudio Pizarro schießt aus 14 Metern aufs Tor, Jörg Butt kommt nur noch mit den Fingerspitzen an den Ball, lenkt ihn damit aber an die Latte, und die Kugel springt – ja, wohin denn? Vor, auf oder hinter die Linie? Die Bremer jubeln, die Bayern protestieren und der Schiedsrichter entscheidet: Ich schau mir das Ganze jetzt mal ganz in Ruhe mit meinem Oberschiedsrichter an. 65.000 Zuschauer warten gebannt, die Zeitlupe gibt keinen genauen Aufschluss. Die Szene zieht sich wie ein Hubba-Bubba, am Ende steht die Entscheidung. Der Ball war wahrscheinlich nicht drin. Also Abstoß. Nach vier Minuten kann das Spiel schon weitergehen. Und die Zuschauer zweifeln trotzdem. Ist das nötig? Und wie häufig gibt es solche wichtigen und knappen Entscheidungen denn überhaupt? Alle acht bis zehn Spieltage vielleicht.

Wir brauchen keinen Videobeweis. Denn sonst würde der Fußball allmählich zum American Football mutieren. Ständige Pausen, weil sich mal wieder eine Mannschaft benachteiligt fühlt. Wo ist die Grenze? Zunächst geht’s nur um Tor oder kein Tor. Doch wenn dies erst einmal eingeführt ist, fordert Felix Magath: „Wenn wir diese Technik haben, dann können wir sie doch auch bei Eckball oder Abstoß einsetzen.“ Und schwupps wird jeder schwer zu beurteilende Zweikampf zum Videobeweisthema. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass selbst beim Betrachten von mehreren Zeitlupen eine Szene unterschiedlich bewertet werden kann.

Zudem ist Fußball ein Breitensport. Das Spiel ist dasselbe – egal, ob Kreis- oder Bundesliga. Und deswegen ist es nun mal die Lieblingssportart der Deutschen. Es wäre aber nicht mehr dasselbe, wenn in den Spitzenklassen wie Bundesliga oder Champions League der Videobeweis eingeführt würde. In welcher Liga würde der Videobeweis dann nicht mehr eingesetzt? In der zweiten Liga noch, aber nicht mehr in der dritten? Auch in der dritten oder vierten Liga gibt es Vereine, die unter Profibedingungen arbeiten, für die es um viel Geld geht. Doch in diesen Klassen ist die Einführung der Videotechnik nicht möglich.

Der Videobeweis wäre der größte Einschnitt seit langem in die bewährten Fußballregeln. Er würde den Spielfluss hemmen und dem Sport das nehmen, wofür wir ihn alle lieben: die Menschlichkeit, die Emotionen, das gemeinsame Freuen und Ärgern sowie die Diskussionen in privaten und öffentlichen Runden über strittige Szenen.

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