Jens Nowotny

Wären da nicht die vier Kreuzbandrisse gewesen, Jens Nowotny hätte weitaus mehr als seine 48 Länder- und 334 Bundesligaspiele bestritten. Zwischen 1991 und 2006 kickte der heute 37-Jährige für den Karlsruher SC und Bayer Leverkusen. Im Gespräch mit ausgekontert spekuliert Nowotny darüber, ob Leverkusen auch mit ihm 2002 zu Vizekusen mutiert und Deutschland vielleicht sogar Weltmeister geworden wäre. Außerdem outet er sich als Fan von Christoph Daum.

Jens, fühlst Du dich als letzter Vertreter der ausgestorbenen Spezies Libero?
Nicht direkt. Ich denke, dass Spieler wie Thomas Helmer oder Lothar Matthäus den Libero-Part viel ausgeprägter gespielt haben. Speziell in Leverkusen habe ich schon früher mehr gegen den Mann verteidigt. In der Nationalmannschaft war ich Teil der Übergangsphase von der Dreier- zur Viererkette.

Glaubst Du, dass ein System mit Libero heute keinen Erfolg mehr bringen würde?
Naja, zumindest so lange nicht, bis Griechenland mit einem 10-0-0-System wieder Europameister wird.

Hans Meyer hat vor zwei Jahren in Mönchengladbach noch einmal mit Tomáš Galásek als eine Art Libero spielen lassen. Galásek sollte als freier Mann vor und hinter der Abwehrkette fungieren. Der Plan ging auf.
Sicher, ein Mann mehr bringt erstmal auch mehr Stabilität und Sicherheit. Wahrscheinlich hat Gladbach das damals nötig gehabt. Aber damit wird auch ein Spieler verschenkt, der dann in der Offensive fehlen könnte. Ich glaube nicht, dass es noch einmal das Comeback des Liberos in einer höheren Klasse geben wird.

Deine Karriere war von vielen Verletzungen überschattet. Wie oft denkst Du an den 30. April 2002 zurück, als Du Dir im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United das Kreuzband gerissen hast?
Mir blieb ja nichts anderes übrig, als die Verletzungen zu akzeptieren. Ich werde immer wieder darauf angesprochen, und dann denke ich natürlich auch wieder darüber nach.

Ich will es auch ansprechen, weil mir die Szene im Kopf geblieben ist. Du sinkst ohne Einwirkung des Gegners zu Boden, direkt neben Dir steht der damalige United-Stürmer Ruud van Nistelrooy, der gerade selbst einen Kreuzbandriss überstanden hatte. Es ist zu erkennen, dass van Nistelrooy sofort eine Ahnung hatte, was mit Dir passiert ist.
Ja, Ruud hatte bestimmt eine Vorahnung. Wenn man selbst mal so etwas erlebt hat, ist man sensibilisiert.

Leverkusen schrammte in jener Saison an drei Titeln knapp vorbei: Zweiter in der Bundesliga, Finalist in der Champions League und im DFB-Pokal. Glaubst Du, dass Leverkusen mit Dir einen Titel geholt hätte?
Ich will meine Rolle selbst nicht zu hoch bewerten, aber fest steht, dass der Ausfall eines Stammspielers in der Endphase der Saison schwerer zu verkraften ist als beispielsweise in der Vorbereitung. Bei uns waren die Abläufe in der Verteidigung perfekt abgestimmt, da hat meine Verletzung sicher ein Loch gerissen. Es ist natürlich reine Spekulation, aber vielleicht hätten wir ohne meine Verletzung wirklich einen Titel geholt. Vor allem, weil sie in den Köpfen der Mitspieler bestimmt eine Rolle gespielt hat.

Du hast ja wegen des Kreuzbandrisses auch die WM in Japan und Südkorea verpasst. Sitzt die Enttäuschung über den unglücklichen Zeitpunkt der Verletzung noch tief?
Rudi Völler hat mal gesagt, dass wir mit mir das Finale gegen Brasilien gewonnen hätten. Das kann sein. Aber vielleicht wäre Deutschland mit mir auch gar nicht so weit gekommen. Die Jungs haben damals Fantastisches geleistet. Das hätte ihnen vor dem Turnier niemand zugetraut.

Zurzeit dreht sich das Trainerkarussell in der Bundesliga gewaltig. Dein Ex-Trainer Christoph Daum ist in Frankfurt gelandet. Wie beurteilst Du diesen Schritt?
Ich bin ein großer Fan von Daum. Seine Arbeit als Trainer habe ich immer sehr geschätzt. Ich wünsche ihm, dass er in Frankfurt ähnlich erfolgreich wird, wie er es bisher fast immer war. Für Frankfurt ist er sicher ein großer Gewinn.

Findest Du den Magath-Wechsel nach Wolfsburg auch sonderbar?
Ich denke, dass das von den Medien zu sehr aufgebauscht wurde. Normalweise wird ein Trainer entlassen, ein Neuer kommt, und die Sache ist gegessen. In Wolfsburg war es sicher eine komische Situation, weil Dieter Hoeneß von einem Tag auf den anderen mit aufs Abstellgleis gestellt wurde. Aber VW und der VfL planen die Zukunft offenbar wieder mit Magath. Daher haben sie lieber schnell als zu spät gehandelt. Das ist nachvollziehbar.

Auch bei Deinem Ex-Klub Leverkusen tut sich was auf dem Trainerstuhl. Jupp Heynckes geht zu den Bayern, Robin Dutt kommt aus Freiburg. Ein logischer Schritt?
Die sportliche Situation interessiert mich gar nicht so sehr wie das Personal, das von so einem Wechsel abhängig ist. Da sind mit Co-Trainer Peter Hermann oder dem Leistungsdiagnostiker Holger Broich Leute, deren Zukunft mit einmal ganz unklar ist. Leute, die Jahre bei Bayer angestellt waren und die ich gut kenne. Aber das bringen Trainerwechsel nun mal leider so mit sich, weil viele neue Trainer ihre eigene Gefolgschaft im Schlepptau haben.

Hat Dich der Trainerberuf überhaupt nicht gereizt?
Klares Nein. Höchstens im Jugendbereich.

Der Jugend hast Du Dich ja auch als Geschäftsführer der Spielerberatungsagentur insoccer verschrieben. Wie sieht Euer Konzept aus?
Wir wollen junge Spieler nicht nur fördern, sondern sie vor allem ganz behutsam an das Profigeschäft heranführen. Es reicht ja bei weitem nicht aus, einfach mal einen Spieler zu vermitteln. Wir wollen den Jungs dann auch während ihrer Zeit im Verein zur Seite stehen, ihnen helfen und sie in allen Lebenslagen beraten. Wir haben ein tolles Team, das unsere Talente umfassend betreuen kann.

Auf der Homepage von insoccer gibt’s weitere Informationen zu Jens’ derzeitiger Arbeit. Von dort stammt auch die freundliche Genehmigung für das verwendete Foto.

6. April 2011

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