Konsequent? Zur Ausmusterung von Boateng, Hummels und Müller beim DFB

Als Thomas Müller am Samstag das 4:0 des FC Bayern beim 6:0 gegen den VfL Wolfsburg erzielte, spuckten die Witzbolde der Fußballnation eifrig in die Hände. „Wäre doch einer für Joachim Löw…“ Lustig, haha! Natürlich kompletter Irrsinn, nach einem Tor und einem Spiel eine Bestätigung für einen Fehler des Bundestrainers zu finden.

Doch, dass er sich jetzt permanent rechtfertigen muss für die vermeintlich endgültige Ausbootung von Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng, hat sich Löw selbst eingebrockt. Dieser Schritt ergibt, egal aus welcher Perspektive betrachtet, keinen Sinn. Null.

Konsequent! War vielleicht die am häufigsten verwendete Vokabel der Befürworter. Konsequent wäre es gewesen, hätte der DFB-Coach nach dem WM-Debakel Tabula Rasa gemacht, die EM 2020 vielleicht bewusst hintenangestellt und einen kompletten Neuaufbau mit ganz jungen Kräften vollzogen. Aber jetzt? Mittendrin? Nach dem Abstieg aus der Nations League? Ein Dreivierteljahr nach dem Desaster von Russland? Fast drei Monate nach den letzten Länderspielen? Dass die Bekanntgabe gut eine Woche vor dem Champions-League-Spiel der Bayern gegen den FC Liverpool erfolgte, ist dabei sekundär. Darauf muss Löw keine Rücksicht nehmen.

Konsequent? Das wäre vielleicht noch eine zutreffende Bewertung gewesen, wenn es gleichzeitig auch die anderen beiden Routiniers im Team erwischt hätte. Aber an Manuel Neuer und Toni Kroos traute sich beim DFB niemand ran. Warum eigentlich nicht? Der eine spielt allenfalls eine durchschnittliche Saison und ist seit seinem Comeback im vergangenen Sommer nur noch einer von vielen guten deutschen Torhütern, aber ganz sicher aktuell zwei Klassen schlechter unterwegs als Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona. Der andere hat zwar dreimal die Königsklasse mit Real Madrid gewonnen, befindet sich aber im größten aller Formtiefs. Und vielleicht dämmert manchem, dass der Unterschiedsspieler der Königlichen Cristiano Ronaldo hieß und nicht Kroos.

Nun ist es Löw natürlich allein selbst überlassen, wen er nominiert und wen nicht. Für eine Weile auf Müller und (weiter) auf Boateng zu verzichten, wäre zweifellos darstellbar gewesen. Keiner hätte objektiv klagen können. Und wenn der eine seine Spitzenverfassung wiederfinden sollte und der andere dauerhaft fit ist, hätte der Bundestrainer sie ja wieder berufen können. Hummels hingegen war zuletzt nicht überragend, ist aber immer noch abgeklärter, zweikampfstärker und vor allem besser in der Spieleröffnung als Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Matthias Ginter oder Thilo Kehrer. Da hat sich Löw eine völlig unnötige Baustelle geschaffen. Das Problem in allen drei Fällen ist aber die Endgültigkeit. Sie sind ja gerade frische 30 oder Müller sogar erst 29. Altes Eisen?

Schauen wir mal nach Spanien, Frankreich, Italien, Kroatien, sprechen wir über Sergio Ramos, Antoine Griezmann, Leonardo Bonucci oder Luka Modric (und das ist nur eine klitztekleine Auswahl). Alle jenseits der 30, alle auch mit kleineren Krisen, aber alle noch gefragt. Sportlich, vor allem aber als Typ, als Leader.

Genau hier gerät Löw in Erklärungsnöte. Wo bleibt die Hierarchie? Neuer, sportlich keinesfalls unumstritten, ist der Kapitän. Schon schwierig. Kroos ist kein ganz einfacher Typ und ebenfalls nicht gut drauf. Danach kommt nicht mehr viel. Joshua Kimmich (23) vielleicht irgendwann, mit Wohlwollen Leon Goretzka. Marco Reus ist schon beim BVB in die Anführer-Rolle gedrängt worden. Sportlich füllt er sie super aus, aber in der Nationalmannschaft ist sein Stellenwert allein wegen der ständigen Verletzungspausen begrenzt.

Was nur hat Löw zu diesem viel diskutierten Schritt getrieben? These: Die WM hat das ganze Land bewegt. Vor allem ganz, ganz viele Menschen, die sich sonst nur oberflächlich mit der Nationalelf und dem Fußball an sich befassen. Als der DFB nach sechs Halbfinalteilnahmen bei großen Turnieren in Serie plötzlich scheiterte, war das allgemeine Unverständnis riesig. Das kann ja allen großen Nationen passieren – aber Deutschland, dem amtierenden Champion? Nein! Löw sah sich mit Forderungen konfrontiert, die völlig abstrus wirkten. „Schmeiß endlich die Weltmeister von 2014 raus“, lautete eine Ansage im (Achtung!) Frühstücksfernsehen eines Privatsenders. Tat der Bundestrainer aber nicht sofort. Obwohl ja sowieso nur noch die fünf umschriebenen Titelträger von Rio dabei waren. Reichte einigen Hartgesottenen nicht, Löw geriet öffentlich immer mehr unter Druck. Um seinen Hals zu retten nun der Rauswurf eines Trios, das nicht nur wegen seiner Verdienste in der Vergangenheit einen anderen Umgang verdient hätte, sondern auch in der Zukunft eine gute Rolle hätte spielen können.

Über die Art und Weise mag letztlich jeder sagen, was er will. Ist eine Entscheidung hart, kommt eh immer die Stilfrage auf. Rein inhaltlich betrachtet, wird Löw sich an den Ergebnissen in der EM-Quali messen lassen müssen. Verweise auf fehlende Erfahrung im Falle von Niederlagen sollte er sich nicht leisten.

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