Ein Hauch von Wilhelmshaven in Polen

Mit seinen Flutlichtmasten und seiner Größe erinnert das Cracovia-Stadion in Krakau ein wenig an das Jadestadion in Wilhlemshaven. Die Heimspielstätte des KS Cracovia, einem der ältesten Fußballvereine Polens, liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum doppelt so großen Henryk-Reyman-Stadion von Wisla Krakau. Beide Klubs spielen in der ersten polnischen Liga.

Unser Ausflug in das „Ziemia Święta“ („heiliges Land“), wie die Heimat ds KS Cracovia auch genannt wird, gilt der U21-Europameisterschaft. Wir sehen das Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Italien. Ein echter Klassiker zum Ablauf der Vorrunde.

Für umgerechnet vier Euro konnten wir im Vorfeld der Partie über das Internet Sitzplätze buchen. Nachdem wir einen Scan unserer Personalausweise per E-Mail nach Polen schickten, konnten wir uns bequem über das zentrale Buchungsportal Online-Tickets ausdrucken. Was mit den Daten passiert (Speicherdauer, Weitergabe), wissen wir nicht.

In Krakaus Innenstadt, die einen Besuch definitiv Wert ist, herrscht dieser Tage wenig EM-Stimmung. Das wäre bei einer U21-EM in Deutschland wahrscheinlich nicht deutlich anders. Um das Stadion herum herrscht allerdings Volksfeststimmung. Der Einlass funktioniert problemlos, die Einlasskontrollen sind ähnlich wie in der Bundesliga.

Toiletten gibt es ausreichend, alles ist klar und übersichtlich ausgeschildert. Lediglich an den Getränke- und Essensständen gibt es lange Schlangen. Hier hätten mehr Personal und ein paar mehr Stände, auch außerhalb des Stadions, die Warteschlangen sicherlich reduzieren können. Dem Umsatz der Caterer hätte dies nicht geschadet.

Die Stimmung im Stadion unter den etwa 14.000 Zuschauern ist gut, auch wenn es nur wenig geschlossenen Team-Support der Fanlager gibt. Dafür sitzen und stehen die Italiener und Deutschen zu verstreut. Die Italiener sammeln sich zumindest mit rund 50 Leuten hinter dem Tor in unserer Kurve. Deutsche Fans sitzen mit einer größeren Gruppe in der selben Kurve unter dem Dach. Während die Italiener ihr Team anfeuern, beleidigt die deutsche Gruppe die italienischen Fans in deren Landessprache. Fremdschämen. Die überwiegende Mehrheit der polnischen Fans im Stadion ist neutral – solidarisiert sich aber nach und nach mit dem gut aufgelegten italienischen Team und deren Fans. Die stumpfen Parolen einiger deutscher Fans tragen auch dazu bei.

Dem deutschen Team gehört die Anfangsphase, das Führungstor wird wegen einer vermeintlichen Abseitsposition nicht gegeben. Unser gutes Gefühl, Deutschland werde die Partie für sich entscheiden, weicht mit zunehmender Spieldauer. Italien kommt immer besser in die Partie. Torwart Gianluigi Donnarumma strahlt mit seinen 18 Jahren eine enorme Souveränität aus. Er signalisiert seinen Gegnern: „Ihr braucht mich nicht anlaufen, gegen meine Übersicht in der Spieleröffnung ist kein Kraut gewachsen.“

Meine Nebenleute raunen mir zu, Donnarumma sei der neue Buffon Italiens. Transfermarkt.de nennt einen Marktwert von 25 Millionen für den 1,96-Hünen, der vom umstrittenen Star-Berater Mino Raiola gemanagt wird. In der Offensive der Südeuropäer ragen Federico Bernardeschi und Domenico Berardi heraus. Bernardeschi ist es auch, der nach einem üblen Fehlpass im deutschen Aufbauspiel durch den sonst überzeugenden Jeremy Toljan zur Führung der Squadra Azzurra trifft. Dreißig Minuten sind jetzt gespielt.

Das Ergebnis reicht beiden Teams zum Weiterkommen, Italien als Gruppenersten und der DFB-Elf als dem besten Gruppenzweiten. Genauso spielen beide Teams das Ergenis herunter. Die letzten 20 Minuten gleichen einem Nichtangriffspakt. Insbesondere der Tabellenzweite der Gruppe A, die Slovakei, moniert diese Taktik nach der Partie. Als zweitbester Gruppenzweiter verpasst die Mannschaft das Halbfinale.

Mit dem Gruppenfinale haben wir an diesem Abend in Krakau kein gutes Spiel des späteren Europameisters gesehen. Für vier Euro Eintritt waren die Eindrücke und der neue Ground allerdings dennoch lohnenswert. Die Stadiongröße war für das Spiel genau passend, in größeren Stadion hätte die Kulisse verloren gewirkt. Die wiederholte Laola-Welle im Stadion war angesichts der sportlichen Leistung auf dem grünen Rasen allerdings etwas zu euphorisch.

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