Sommerpause: Werder macht bisher keine glückliche Figur

Das tägliche Ritual des Fußballfans in der Sommerpause bildet der Blick in die allgegenwärtigen Transferticker. Egal, ob Kicker, Bild oder Spiegel – so lässt sich, in Verbindung mit Confed-Cup und U-21-EM, die Zeit bis zum Wiederbeginn der Saison überbrücken.

Groß ist gerade in diesem Jahr das Erstaunen über die Megasummen, die Englands Erst- und auch Zweitligisten sowie vor allem die neureichen Chinesen auf den Markt werfen. Doch das interessiert Freunde von Werder Bremen nur am Rande. Denn der Bundesligist gibt bislang eine eher unglückliche Rolle ab im Pokerspiel um Zu- und Abgänge.

Dass immer wieder von Angeboten für Top-Spieler (Max Kruse, Thomas Delaney, Robert Bauer) berichtet wird, ist die eine Sache und den Verantwortlichen nicht anzulasten. Zumal sich bisher nichts konkretisiert hat. Allerdings hat der Verein mit Serge Gnabry, Florian Grillitsch, Clemens Fritz und Santiago Garcia vier Stammkräfte abgegeben. Felix Wiedwald dürfte der nächste sein, der geht.

Und genau hier kommt eine gewisse Skepsis auf. Was hat der Torhüter, der sich als einer der wenigen Profis durch und durch mit dem SVW identifiziert, eigentlich verbrochen, dass er seit Monaten vergeblich auf ein Bekenntnis wartet? Fasst man seine beiden Spielzeiten als Nummer eins zusammen, kommt man erst mal zu der Gewissheit, dass sich die Bremer im Vergleich zu seinen Vorgängern Sebastian Mielitz und Raphael Wolf um Längen verbessert hat. Klar, da waren – gerade in der Hinrunde der Vorsaison – auch einige unglückliche oder sogar schwache Momente dabei. Doch waren die speziell und allein dem Keeper anzulasten? Wiedwald spielte unter Trainer Viktor Skripnik und auch in langen Phasen unter dessen Nachfolger Alexander Nouri hinter der unsortiertesten Deckung des Landes. Mannschaftstaktisch war Werder eigentlich seit vielen Jahren im Rückwärtsgang nicht ligatauglich, da fehlte fast traditionell jede Balance. Und so geriet Wiedwald in der Regel unter Dauerbeschuss, sah sich ständig Eins-gegen-Eins-Situationen ausgesetzt und dabei dann manchmal nicht gut aus. Über seine sensationelle Rückserie hingegen muss kaum ein Wort mehr verloren werden. Nouri tat sich aber zuvor schon schwer damit, ihn und nicht den fußballerisch limitierten und keinesfalls überzeugenderen Routinier Jaroslav Drobny zu bringen. Eine unnötig geschaffene Baustelle.

Nun wurde dem Stammschlussmann der tschechische Nationaltorwart Jan Pavlenka vor (oder neben) die Nase gesetzt. Das ist erst mal legitim, doch die Berichterstattung rund um Werder deutete längst an, dass Wiedwald ohne Chance ist oder wäre. Die Ersatzleute Michael Zetterer und Drobny waren jedenfalls offenbar deutlich sicherer im Sattel. Und vier Torhüter sind eben einer zu viel. Sein Abflug zu Leeds United (für marktunübliche 500000 Euro, siehe oben) steht kurz bevor. Stets heißt es, Nouri möge ihn oder seinen Stil nicht. Aha.

Der selbstbewusste Erfolgscoach, der auch seinen inzwischen eilig vom SC Freiburg angeheuerten Assistenten Florian Bruns irgendwie nicht mehr mochte, hat legitimerweise seine eigenen Vorstellungen. Zwischen medienwirksamen Auftritten auf außersportlichen Feldern wird ihm allerdings kaum entgangen sein, dass Werder noch viel größere Problemzonen als zwischen den Pfosten hat. Zum Beispiel, diesen Sektor haben wir oben bereits angerissen, in der Defensive. Das hat selbst die in großen Teilen starke Rückrunde gezeigt. Lamine Sané und Niklas Moisander sind erfahrene Innenverteidiger. Doch der im Saisonverlauf vollzogene richtige Schritt zu einer Dreierkette mit eben drei zentralen Abwehrleuten erfordert auch eine entsprechende Aufstockung des Personals für diesen Bereich. Milos Veljkovic hat Talent, aber bei weitem noch keine Konstanz in seinen Leistungen. Luca Caldirola ist extrem verletzungsanfällig. Auch Sané muss öfter mal passen. Fallen er oder Moisander aus, brennt es lichterloh im Abwehrzentrum. Hier muss zwingend eine qualitativ hochwertige Verstärkung her. Am besten mehr als nur eine Alternative.

Mit Grillitsch und Fritz sind zudem zwei Mittelfeldgrößen weg. Und vorne benötigt das Team einen anderen Stürmertypen, einen klassischen Neuner, um neben Kruse und Fin Bartels schwerer ausrechenbar zu sein. Der Vorstoß bei Davie Selke schien logisch, mündete aber in einem bitteren Korb. Finanziell haben Clubs wieder Hertha BSC oder auch der Hamburger SV (André Hahn) offenbar wieder mehr zu bieten.

Sportchef Frank Baumann muss also wieder einfallsreich sein. Werder hat in der Vergangenheit selten Geld in die Hand genommen, wenn es um Abwehrspieler ging. Spätestens seit dem Saisonfinale (13 Gegentore in drei Partien, trotzdem fast noch für spektakuläre Spiele gefeiert) müssen bei den Verantwortlichen in diesem Bereich die Alarmglocken schrillen. Allen muss bewusst sein, dass sich die sagenhaften elf Spiele (29 Punkte) zwischen Februar und April nicht mirnichtsdirnichts auf die neue Saison übertragen lassen. Auch in der Hoch-Phase äußerten sich noch zahlreiche Symptome, die in den letzten drei Partien wieder überhand nahmen. Aktuell ist der Kader sicher noch schwächer besetzt als zuletzt. Aber, das dürfen wir nicht vergessen, es sind noch zwei Monate Zeit. Nicht bis zum Trainingsstart oder zum ersten Pflichtspiel, aber bis zur Schließung des Transferfensters. Und Baumann hat 2016 seine beiden Königstransfers (Kruse, Ganbry) ja auch erst im August getätigt.

PS: In just den Minuten, als ich diesen Text schrieb, sickerte die Nachricht durch, dass Claudio Pizarro keinen neuen Vertrag an der Weser erhält. Erwartungsgemäß und auch irgendwie nachvollziehbar. Aber in der Art und Weise doch unangemessen für diese Vereinsikone, den beliebtesten Bremer der letzten 25 Jahre, den Rekord-Torschützen. Irgendwie passt der Beschluss selbst nicht in den Kontext meiner Zeilen, wohl aber die Kommunikation. Pizarro hätte einen anständigen Abschied bekommen müssen. Der Club muss einen Mittelweg zwischen Professionalität (die manchmal angesichts der grün-weißen Brille fehlte; Stichwort Werder-Familie, Stichwort Skripnik) und vernünftigem Verhalten gegenüber verdienten Kräften finden. Der Umgang mit dem Peruaner, mit Wiedwald, vielleicht auch Bruns, war sicher nicht astrein.

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