Mitleid mit den Bayern

„Wir haben die Eintracht im Endspiel gesehen, mit dem Jürgen, mit dem Jürgen.
Sie spielt so gut und sie spielte so schön, mit dem Jürgen Grabowskiíiihhhiiiii….“

Wie wohl so ziemlich jeder Eintracht-Fan summe auch ich diese Zeilen Tag und Nacht vor mich hin. Alles in der Hoffnung, dass es am Sonntag mit dem ersten Titel nach 29 Jahren klappt. Und in wahnsinniger Vorfreude auf DAS Spiel der letzten zehn Jahre. Und irgendwie habe ich dabei mal wieder übers Fan-Sein nachgedacht. Und wie dankbar ich bin, Fan eines Vereins zu sein, bei dem es jedes Jahr irgendwie Drama gibt.

Am Samstag gab es – wie üblich am letzten Spieltag – mal wieder Tränen zu sehen. Tränen der Freude und des Jubels. In Hamburg haben sie das halbe Stadion inklusive Torpfosten auseinandergenommen, weil der HSV mal wieder in letzter Sekunde dem Abstieg entronnen ist. In Köln haben sie den Karneval in den Mai verlegt, weil der EffZeh nach einem gefühlten halben Jahrhundert mal wieder Europapokal spielen darf. Ja, selbst in Wolfsburg war so etwas wie Emotion zu spüren. Blanke Angst nämlich, ausgerechnet von Braunschwieg in die Zweitklassigkeit geschickt zu werden. In München nahm man den Saisonausgang dagegen bestenfalls zur Kenntnis. Mit 15 Punkten Vorsprung zum fünften Mal in Serie Deutscher Meister geworden. So what? Wenn es da so etwas emotionale Regung gegeben hat, dann durch den Abschied von Philipp Lahm. Ansonsten wurde es halt richtig wild. Mit Anastacia und Selfie-Cams auf den Biergläsern. Thomas Müller sprach davon, dass es „schon emotionalere Meisterschaften gegeben hat.“ Jo, stimmt schon.

Und in diesem Moment wurde mir etwas klar über das bestimmende Gefühl, das ich gegenüber diesem Verein im Süden und vor allem seinen „Fans“ (warum es diese eigentlich gar nicht gibt, siehe hier) hege. Es ist nicht Abneigung, erst recht kein Hass. Es ist Mitleid. Mitleid, weil ihnen das Essenzielle am Fußball abhandengekommen ist: Sie kennen gar keine richtigen Fußball-Emotionen mehr. Dabei ist das doch der eigentliche Grund, warum wie dieses Spiel mit dem runden Lederding so lieben. Die riesige Freude, den Abstieg gerade noch mal vermieden zu haben. Die bittere Trauer, weil es eben gerade so nicht gereicht hat. Die wochenlange Vorfreude auf ein Pokalfinale – gerade weil man nicht weiß, ob man in den nächsten 20 Jahren noch mal eines erreichen wird. Das macht den Fußball aus. Und genau das kennen sie in München gar nicht mehr.

Ich freue mich jedenfalls wie Bolle auf Samstag. Auf die Möglichkeit von vielleicht 20, 30 Prozent tatsächlich mal wieder einen Titel zu holen und im kommenden Jahr gegen Grashoppers Zürich oder Dinamo Bukarest spielen zu dürfen. Was wären das für Feste…

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