Tor(e) des Monats Februar 2017: Ultrà Sankt Pauli (USP)

Emotionale Gesänge und überzogene Slogans auf Bannern und Tapeten gehören seit vielen Jahren zu Fankultur und Fußball dazu. Dabei sollte man sich mit dem moralischen Zeigefinger zurückhalten. Grenzwertige Plakate und Rufe müssen eine freie Gesellschaft und insbesondere die Stadionbesucher vertragen können. Kreative und witzige, nachdenkliche und politische Botschaften sind eine Bereicherung für Fußball, Politik und Gesellschaft. Allerdings sind auch Beleidigungen und Geschmacklosigkeiten immer wieder in den Kurven zu sehen. Sie schaden den Leuten, die entsprechende Banner zeigen, jedoch mehr als sie ihren oft berechtigten Anliegen nutzen. Die viel beschworenen aktiven Fußballfans sollten sich fragen: Wollen wir das Niveau, das sich mittlerweile im Social Media-Bereich und in den Vereinsforen etabliert hat, in die Kurven tragen?

Einige Dresdener Anhänger sind mit schlechten Beispielen vorangegangen und haben mit ihren sexistischen Bannern gegen Frauen und Homosexuelle in der Vergangenheit gezeigt, was auf der Niveauskala nach unten hin so alles möglich ist. Die Ultras des FC St. Pauli, die eigentlich für Kreativität, Mitmenschlichkeit und Empathie bekannt sind, haben sich die intellektuell ausbaufähige Vorlage der Dresdener allerdings zum Vorbild genommen und zum 72. Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten ein Banner mit dem Wortlaut „Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt – Gegen den doitschen Opfermythos!“ beim Zweitligaheimspiel gegen die SGD präsentiert. Das war geschmack- und gegenüber den damaligen Opfern und ihren Nachfahren respektlos. Damit haben die Ultras des FC St. Pauli ihr berechtigtes Anliegen, nämlich auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und Rassenideologie als Ausgangspunkt für die Vorfälle im Februar 1945 hinzuweisen und dem Dresdener Wütbürgertum die Stirn zu bieten, konterkariert. Das zeigt: Aufmerksamkeit ist wichtig, um eigene Anliegen und Meinungen zu transportieren. Aufmerksamkeit ist aber kein Selbstzweck. Falsch eingesetzt, kann man der Fußballwelt zeigen, wie man sich mit seinen Thesen verrennen kann. Das hat USP gezeigt. Sie sind daher die Tore des Monats.

Immerhin: Verein und Fanclubsprecherrat haben sich von dem Slogan gegen Dresden distanziert. USP, der Fanladen und der sonst hörenswerte St- Pauli-Podcast MillernTon (in Folge 38 am ehesten noch Stadionsprecher Rainer Wulff) haben sich dazu nicht eindeutig durchringen können.

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