„Schuss“: Tabuthema „Doping im Fußball“

Trotz des Coming-Outs von Thomas Hitzelsperger und anderer ehemaliger Fußballprofis galt das Thema „Homosexualität im Fußball“ öffentlich oft als „das letzte Tabu“ im Profisport. Dabei gibt es noch viele andere Tabuthemen: Korruption und Doping gehören dazu, wenn man Bestseller-Autor und Süddeutsche Zeitung-Redakteur Thomas Kistner Glauben schenkt. In seinen Büchern „Fifa-Mafia“ und „Schuss: Die geheime Doping-Geschichte des Fußballs“ geht der Autor ähnlich vor: Er beleuchtet öffentlich gewordene Fälle genauer, liefert Hintergründe und lässt veröffentliche – aber häufig überlesene – Informationen in anderen Zusammenhängen erscheinen. Sein Anti-Doping-Buch liefert viele Anhaltspunkte, Indizien und Fakten. Umfassende Beweise sind in seinen Büchern allerdings Mangelware. Vielleicht kann dies von investigativem Journalismus nicht erwartet werden. Für die reißerischen Titel sind die Belege allerdings dünn, wie der Autor in „Schuss“ wiederholt einräumt. Seine vorgelegten Indizien legen darin allerdings die Annahme nahe, dass Doping im Fußball keine Randnotiz ist, sondern integraler Bestandteil des Leistungssports.

Ich gebe es zu: Noch vor zehn Jahren habe ich Doping im Fußball für absurd gehalten. Im dem Mannschaftssport, in dem so viel über Geschlossenheit, Teamgeist, Taktik und kollektives Agieren funktioniert, habe ich Doping höchstens zu einem Einzelphänomen gezählt.

Wer sich heute in einer Aufzeichnung das Finale der Fußballweltmeisterschaft 1974 in München ansieht, der mag sich fragen, ob das Spiel in Realgeschwindigkeit oder verlangsamt wiedergegeben wird. Ich muss dafür aber keine 40 Jahre zurückgehen: Als Anhänger von Werder Bremen war eines der prägendsten Ereignisse meiner Fan-Historie das 5:3 in der neugegründeten UEFA Champions League am 8. Dezember 1993 gegen den RSC Anderlecht. Ich hatte als Kind zu dieser Zeit keinen eigenen Fernseher im Zimmer. Außerdem war Schlafenszeit angesagt. Also verfolgte ich bis zur letzten elterlichen Ermahnung das sich anbahnende Debakel im Radio mit. Zur Pause stand es 0:3 und selbst nach einer Stunde änderte sich daran nichts. In der 66. Minute erzielte Wynton Rufer, Idol meiner Jugend, das 1:3. Nach wenigen Minuten, in denen ich mich schlafend gestellt hatte, holte ich den tragbaren und etwa 15 Kilo schweren Schwarzweißbildfernseher aus dem Nebenzimmer an mein Bett. Ich stellte am Regler die Sequenz des übertragenden Senders ein – da stand es schon 2:3. Am Ende siegte Werder mit 5:3. Wahnsinn. Sensation. Wunder von der Weser!

Als ich mir das Spiel vor einigen Monaten in einer Rückschau auf Eurosport wieder über 90 Minuten ansah, wähnte ich mich im falschen Film: Was mich damals packte, mir vor Tempo und Spannung die Schweißperlen auf die Stirn trieb und mich emotional fesselte wie der erste Kuss, entpuppte sich als langsames Geschiebe mit Toren, die zwar aus Überlegenheit fielen, aber an Impulsivität gegenüber meinen Erinnerungen deutlich eingebüßt hatten.

Diese Beispiele, WM-Finale 1974 und Champions League-Gruppenspiel von 1993, machen in Relation zu Bundesliga, Champions League, Europa- oder Weltmeisterschaft von heute deutlich: Tempo – und damit Athletik der Spieler – haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Wie viel machen zudem sogenannte „Unterschiedspieler“ aus? Dazu müssen nicht einmal Messi oder Ronaldo als Beweise angeführt werden. Bei der kalendarischen Dichte an Spielen sowie der Laufleistung und Antrittsdynamik der Akteure ist es verwunderlich, wie konstant und weitgehend verletzungsfrei heute viele Karrieren auf einem enormen Leistungslevel verlaufen.

Woran das auch liegen kann, beschreibt Thomas Kistner in seinem Buch „Schuss“ nachvollziehbar, akribisch und unbequem. Er stellt in seinem 2015 im Droemer-Verlag erschienenen Buch Kritiklosigkeit gegenüber Sport, Mythen und Idealen zu Recht infrage. Manko seines lesenswerten Buches: Belege und Quellen fehlen wiederholt. Ein Beispiel: Die deutsche Anti-Doping-Studie, die 2013 präsentiert wurde, und deren Autoren viele kritikwürdige Punkte der deutschen Sporthistorie seit 1950 aufgearbeitet haben. Vielfach fehlt es der Studie allerdings ebenfalls an Belegen, die selbst der sonst so kritische Blogger Jens Weinreich deshalb nicht gänzlich für voll nahm. Kistner zitiert die Inhalte der Studie jedoch völlig unkritisch. Ein erster Abzug in der B-Note für den Journalisten. Die eigenen Argumente werden nicht dadurch wertvoller, wenn man berechtigte Kritik an ihnen ignoriert oder ausblendet. Zumal, wenn das eigene Anliegen berechtigt ist. Indizien werden in der Studie zuhauf geliefert, etwa mit angeblichen Doping-Methoden von Sportmediziner Armin Klümper, der neben dem Radrennstall „Team Telekom“ etwa die Fußballteams des VfB Stuttgart und des SC Freiburg versorgt haben soll.

Ein weiteres Manko: Kistner zitiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher aus dessen Autobiographie „Anpfiff“ und rückt Doping und Depressionen in einen direkten Zusammenhang. Das mag medizinisch korrekt sein. Die Namen der Ex-Profis Robert Enke und Andreas Biermann dabei zu nennen, die beide Suizid begangen haben, halte ich für fragwürdig. Wenn Belege dafür fehlen, dass die beiden toten Profis gedopt waren, ist der Kontext populistisch bis reißerisch.

Lassen muss man dem Autor, dass er die Historie möglicher Dopingfälle aufzulisten versucht und kritisch unter die Lupe nimmt, etwa Aussagen und Analysen rund um die WM 1954, eklatante Widersprüche der Ex-Profis Rudi Völler und Franz Beckenbauer zum Thema Doping und die Doping-Affäre um Ex-Spieler und Trainer-Legende Josep „Pep“ Guardiola. Der Ex-Trainer der Bayern ließ sich als unter Dopingverdacht stehender Spieler durch vermeintliche Anti-Doping-Jäger verteidigen und profitierte damit von Insiderwissen über Nischen im System. Kistner berichtet zudem über auffällige Nandrolon-Werte bei Spielern vieler europäischer Klubs. Er erhebt beispielsweise Vorwürfe gegen Zinédine Zidane wegen dessen Behandlung in einer dubiosen Fitnessklinik.

Auch Trainer und Spieler aus der Bundesliga kommen in dem Buch anonym – der ehemalige Mannschaftsarzt von Schalke 04, Thorsten Rarreck, sogar namentlich – zu Wort. Sie sprechen etwa über laxe Doping-Kontrollen und schnelle Regenerationszeiten nach Verletzungen. Der ehemalige Gelsenkirchener Mannschaftsarzt ist der Auffassung, dass auch im Profifußball Dopingsubstanzen genutzt würden und oft unter dem Radar liefen, weil sie aufgrund der geringen Dosierungen nicht zu erkennen seien.

Pikantes Detail aus der Kister-Publikation: Als die heute in Südafrika lebende Sportarztlegende Klümper seinerzeit im Fokus von Justiz und Finanzbehörden stand, schalteten Athleten eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) für ihn. Der ehemalige Turner und Olympiamedaillengewinner Eberhard Gienger sammelte für den gebürtigen Münsteraner Sportarzt Geld unter den Sportprofis. Gienger saß 2013 als Abgeordneter im Sportausschuss des Bundestages – und stellte den Autoren der Doping-Studie in einer Anhörung kritische Fragen zu den Ergebnissen. Sein einstiger Sportarzt Klümper und andere Sportmediziner hatten sich seinerzeit für Anabolika zur Regeneration nach Verletzungen ausgesprochen. Gienger ist noch heute Mitglied im Sportausschuss des Bundestages.

Besondere Beachtung kommt Doping nach Kistner im Umfeld großer Turnier zu: Bei Weltmeisterschaften hätten Teamärzte von Argentinien und den Niederlanden demnach im Nachhinein die Verabreichung von Dopingmitteln eingeräumt. Viele Fußballer aus der tunesischen Nationalelf der 1980er Jahre bekamen Kinder mit Behinderungen. Lag dies an der Einnahme verbotener Mittel? Kistner hält diese These aufgrund der Häufung bei den Betroffenen für plausibel.

Während teilweise Belege für Doping fehlen, gibt es in anderen Fällen umfassende Beweise. So etwa für das Dopingsystem in der Deutschen Demokratischen Republik, deren Vorgehen nach Staatsplanthema 14.25 schriftlich niedergelegt wurde.

Im weiteren Verlauf von „Schuss“ kommen viele Einzelfälle, die zum Teil Jahrzehnte in der Vergangenheit liegen, zutage. Der Autor spricht etwa von Negativ-Doping bei der Partie Argentinien gegen Brasilien im WM-Achtelfinale 1990, wo die Selecao durch Beruhigungsmittel bewusst lahmgelegt worden sei. Kistner nennt zudem Indizien für Doping beim brasilianischen Stürmer-Star Ronaldo im WM-Finale 1998 in Frankreich. Dort bekam der Spieler vor dem Endspiel einen Anfall und wirkte spielunfähig. Er lief am Ende dennoch auf, fand aber zu keiner Zeit ins Spiel. Brasilien unterlag dem Gastgeber mit 0:3.

Indizien für Doping-Vergehen werden auch immer wieder rund um die Nationalmannschaften kolportiert, die von dem Niederländer Guus Hiddink trainiert wurden. Der Autor Thomas Kistner stellt aber auch klar, dass es hierfür zwar Indizien, aber keine Beweise gibt.

Wiederholt greift Kistner die Meinung vieler Beobachter, Athleten, Spieler, Funktionäre und Ärzte auf, das Doping im Mannschaftssport Fußball keinerlei Bewandtnis habe. Andererseits wird der Fußball immer schneller und athletischer. Die individuellen Fähigkeiten von Spielern können dazu beitragen, einzelne Partien zu entscheiden. Insofern stellt sich die Frage nach dem Nutzen von Doping mittlerweile drängender als vor 20 oder 30 Jahren. Angeblich soll Doping dabei nach Aussagen von Funktionären gerade jetzt, aufgrund ausgeweiteter Kontrollen, die Thomas Kistner für ineffizient, zu den falschen Zeitpunkten durchgeführt und somit für nutzlos hält, keine Rolle mehr im Fußball spielen. Kistner schreibt, ihm lägen jedoch E-Mails von Spielern vor, die den Gebrauch von Dopingmitteln nahelegen würden. Details nennt er hierzu nicht, wahrscheinlich aus Quellenschutzgründen.

Der spanische Dopingarzt Fuentes war übrigens nicht nur für Radprofis ein beliebter Ansprechpartner, er versorgte auch ganze Fußballteams medizinisch. Welche Teams das allerdings gewesen sein sollen, lässt der Journalist der Süddeutschen Zeitung ebenfalls offen.

Interessant ist eine in dem Buch angeführte Studie aus dem Jahr 2011 von DFB-Teamarzt Prof. Dr. Tim Meyer unter 500 Profis. In der freiwillig angelegten Studie wurden zwar konkrete Auffälligkeiten in geringer Anzahl dokumentiert, jedoch nicht weiter hinterfragt. Die Informationen wurden damals allerdings an die Vereinsärzte der Bundesligisten gegeben.

In „Schuss“ erhebt Kistner auch Vorwürfe gegen einen noch aktiven und sehr prominenten Bundesligaspieler, nämlich gegenüber Arjen Robben vom FC Bayern München. Dieser hatte sich vor der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika schwer verletzt. Zur WM selbst war er dann plötzlich wieder genesen und spielte ein herausragendes Turnier. Die Niederlande kamen ins Finale und unterlagen erst dort Spanien. Nach der Weltmeisterschaft war Robben dann wieder lange verletzt, was zu einem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen seiner Vereinsmannschaft und dem Nationalteam der Niederlande führte. Die medizinischen Abteilungen überdeckten sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Doping bei Weltmeisterschaften ist nach Kistner weiter ein Thema. So kritisiert der Journalist, dass bei der letzten Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien der Anti-Doping-Kampf erneut zu kurz gekommen sei. So habe es beispielsweise keine geeigneten Labore vor Ort gegeben.

Aus der Bundesliga schildert Kistner den Fall einer schweren Erkrankung, den er mit Doping in Verbindung bringt: Angreifer Ivan Klasnic von Werder Bremen war vor einigen Jahren schwer an Nierenversagen erkrankt und brauchte ein Spenderorgan. Damals konnte ihm durch eine Organspende geholfen werden. Aktuell benötigt Klasnic wieder eine neue Niere, muss nach aktuellen Informationen aus dem Januar 2017 dreimal in der Woche zur Dialyse. Kistner bringt das Nierenversagen mit Schmerzmittelmissbrauch in Verbindung, schließlich seien Vitamin- und Schmerzmittelgaben in der Fußballbundesliga an der Tagesordnung. Das würden auch aktuelle Umfragen belegen. So habe eine anonyme Befragung unter aktiven Profis ergeben, dass ein Drittel der Spieler regelmäßig Schmerzmittel nehme. Aus diesem Grund forderten einige Experten ein Verbot von Schmerzmitteln im Profifußball. Diese Forderung ist aber stark umstritten. Kistner berichtet zudem, dass Cortison in der Bundesliga häufig eingesetzt werde. Dies gelte auch für IGF-1, welches laut dem Dopingexperten Werner Franke in der Fußballbundesliga ebenfalls üblich sei, da es als schwer nachweisbar gelte. Dies treffe auch auf künstliches EPO, tierisches Testosteron und Eigenblut-Doping sowie die Gabe von Wachstumshormonen und Koffein zu.

Das Buch zur Doping-Geschichte ist insgesamt lesenswert, liefert aber kaum Beweise. Immerhin: In „Schuss“ sensibilisiert der Autor seine Leser, bei schnellen Heilungen schwerwiegender Verletzung von Profis genauer hinzuschauen. Dabei rückt der Journalist der Süddeutschen Zeitung wiederholt den Mannschaftsarzt des FC Bayern München, Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, in den Blickpunkt. Dieser sei für Anfragen zu dem Buch nicht zu erreichen gewesen. Sein Name fällt aber immer wieder, wenn es um Blitzheilungen, wiederkehrende Verletzungen und nicht publizierte Forschungsergebnisse geht. Nicht zuletzt der Streit mit Trainer Pep Guardiola im Frühjahr 2015 machte deutlich, dass es einen Disput über die Verletzungsmisere und Heilungsdauer beim FC Bayern München gab. Diesen Konflikt sieht Kistner in direkter Verbindung mit der Gabe nicht erlaubter Substanzen. Dabei hatte Guardiola öffentlich betont, dass er Spieler noch schneller wieder auf dem Platz sehen wolle als die medizinische Abteilung dies vorsehe.

Ebenfalls in einen Zusammenhang mit Medikamenten und der Abgabe dieser durch die Vereine stellt Thomas Kistner das Drama um den ehemaligen Verteidiger des FC Bayern München, Breno. Dieser hatte unter Einnahme von Medikamenten und Alkohol sein Haus im Wahn angezündet und war wegen Brandstiftung verurteilt worden. Kistner stellt die These in den Raum, dass der Zustand Brenos wegen der Nebenwirkungen von Schlafmitteln zustande gekommen sein könnte, die ihm der Verein verschrieben habe und die im Zusammenwirken mit Alkohol zu Wahnvorstellungen geführt habe. Der Zusammenhang im Fall Breno ist allerdings fragwürdig. An Beweisen fehlt es wie in vielen anderen Fällen auch. Nicht alles, was in der Theorie zu einer geringen Wahrscheinlichkeit denkbar ist, muss auch in der Praxis so passiert sein.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.