Hoeneß-Comeback und Leipziger Höhenflug: Wo sind die kritischen Betrachter geblieben?

Ich habe nichts gegen Uli Hoeneß. Irgendwie mag ich diesen kauzigen Mann zuweilen sogar, der manchmal verbohrt, manchmal in jeder Hinsicht übertrieben und fast doch immer sehr zielgerichtet wirkt – und der einfach der personifizierte Erfolgsmanager ist. Ich habe mich damals nicht gefreut, als er ins Gefängnis musste. Und ich lasse ihn jetzt nicht hochleben, weil er wieder da ist. Was ich mit dieser Einleitung sagen will: Es ist mir persönlich egal, ob ein verurteilter Straftäter, Steuerhinterzieher, Knacki oder was auch immer Präsident von Bayern München ist. Trotzdem haben mich die Reaktionen auf sein Comeback auf großer Ebene in den vergangenen Tagen irgendwie verstört.

Jeder Amtsträger im Bundesliga-Zirkus, jeder Geschäftsführer, Trainer, Manager, Profi oder Zeugwart wurde nicht nur nach seiner Haltung zu Hoeneß befragt, sondern jeder antwortete auch brav und beinahe gescriptet fast dasselbe. Die landläufige Meinung: „Schön, dass er wieder da ist. Er hat seine Strafe abgesessen. Jedem eine zweite Chance. Er hat ja keinem geschadet. Gut für die Bundesliga…!“ Stereotyp hoch zehn. Keine differenzierte Betrachtung, keine Skepsis, nicht mal „kein Kommentar“. Alles irgendwie glattgebügelt – was genau daran gut für die Liga (die ja nicht nur aus Bayern besteht) sein soll, erschließt sich irgendwie auch nicht. Wie gesagt, mich stört seine Rückkehr nicht im Geringsten. Die Übermacht der Bayern wurde in seiner Abwesenheit ja eher größer als kleiner. Doch es gibt eben auch gute Gründe, die nahezu ungeprüfte Wiederinthronisierung in die Chefämter beim größten deutschen Fußballverein zumindest zu hinterfragen. Damit meine ich nicht das stumpfe Gejohle mancher BVB-Anhänger oder allgemein von FCB-Hassern, die ihn als Feindbild kultiviert haben. Sondern einfach den moralischen, ethischen, vielleicht auch juristischen Ansatz, der nicht einfach ausblendet, warum der Mann mehr als zwei Jahre abkömmlich war. Ob man am Ende zu dem Schluss kommt, dass Hoeneß eine Bereicherung wird und er sich diese zweite Chance verdient hat, spielt keine Rolle. Doch bis auf den einen oder anderen Medienmacher aus der Ferne, der vermutlich niemals auf die Gunst der Rekordmeister-Bosse angewiesen sein wird, meldete sich in diesem Zusammenhang niemand aus der Szene zu Wort. Es wirkte fast so, als wolle da bloß niemand die großen Bayern zornig machen. Und das ist doch irgendwie fragwürdig.

Eine ganz ähnliche Haltung nehmen mittlerweile viele Experten und Autoren im Hinblick auf Tabellenführer RB Leipzig ein. Dieser Neuling spielt wirklich einen herausragend anzusehenden Fußball, punktet unfassbar beständig, scheint mit Ralph Hasenhüttl einen taktisch wirklich sehr flexiblen Trainer gefunden zu haben und hat vielleicht sogar ein paar sympathische Profis in seinen Reihen, denen man derzeit wirklich nichts verübeln kann. Ja, Leipzig macht die Bundesliga wieder spannend – und stiehlt anderen Überraschungsmannschaften wie Köln, Berlin, Hoffenheim oder Frankfurt vielleicht sogar etwas die Show. Doch bei all den Lobeshymnen vergessen viele eben, wie es zu diesem sächsischen Fußballmärchen kommen konnte. Mit einer gigantischen und beispiellosen Marketingoffensive eines milliardenschweren Österreichers, der zu diesem Zwecke gemeinsam mit seinen vordersten Mitarbeitern Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff sämtliche Grauzonen des Regelwerks auslotete (Lizenzkauf, Namensgebung, Vereinswappen, 50+1, krumme Transferpraktiken mit der großen oder kleinen Schwester in Salzburg, Clubstruktur mit 17 Mitgliedern und ohne Mitbestimmung, Geldscheinwedeln im Jugendbereich) und dabei wahrscheinlich auf weniger Verbandswiderstände traf, als er selbst vermutet hatte. Nein, wer sich detailliert mit der kurzen Historie von Rasenballsport auseinandersetzt, der wird auf reihenweise kritikwürdige Vorgehensweisen stoßen, die eigentlich den Blick auf den sportlichen Husarenritt schmälern müssten. Dass gerade Rangnick nach außen auf bescheiden macht, das selbst auferlegte Salary-Cap (immerhin drei Millionen Euro als Maximum für Dritt- oder Zweitliga-Gehälter) nach den ersten zehn Bundesliga-Spielen aber dann kippt, passt irgendwie ins Bild. Freiburgs Coach Christian Streich sagte am Freitag sinngemäß: „Aus unendlich viel Möglichkeiten muss man auch erst mal unendlich viel machen.“ Das traf den Punkt ganz gut. Wie der ausgewiesene Experte Rangnick mit seinen Mitstreitern die unfassbaren neuen Ressourcen zugunsten eines beispielhaften Trainingszentrums, einer guten Nachwuchsarbeit und eines klug ausgewogenen Kaders einsetzt und wie sie aktuell Hasenhüttl veredelt, verdient jede Form von Respekt. Aber Streichs erste, vermutlich nicht ganz unbewusst pointierte, Vokabeln waren eben die „unendlichen Möglichkeiten“. Ja, das sind alles junge Spieler mit großer Zukunft da in Leipzig. Aber es sind eben auch Kicker, die teilweise zweistellige Millionenbeträge gekostet haben, die selbst bei optimalem Scouting und größtem Einsatz andere Bundesliga-Mannschaften nie in die Finger bekommen hätten, weil ihnen einfach das nötige Kleingeld für Timo Werner, Oliver Burke, Davie Selke, Youssuf Poulsen, Naby Keita, Emil Forsberg oder Lukas Klostermann fehlt. Und ob auf dem Weg dahin alles lupenrein ablief, ob die Maxime „Geld regiert die Welt“ oder „Erfolg macht sexy“ immer gleich bedenkenlos abgenickt werden muss, wäre doch zumindest mal einen kurzen Gedanken wert. Mit jedem Leipziger Sieg vergessen die meisten Sportmedien mehr und mehr den Ursprung dieser furiosen Mannschaft. Keiner will Farbbeutel oder abgetrennte Bullenköpfe sehen, diese Wege der Kritik sind abscheulich und schon gar nicht zielführend. Ein Auge aufs große Ganze und nicht nur auf tolles Gegenpressing oder schnelles Kombinationsspiel des Spitzenreiters zu richten, wäre hier und da aber durchaus angebracht.

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