Stille statt Stimmung: Berlin war erst der Anfang

Nicht wenige Zuschauer im Berliner Olympiastadion und an den TV-Bildschirmen rieben sich am vergangenen Samstag verwundert die Ohren. Stimmung kam beim Länderspiel der Deutschen Elf im Traditionsduell gegen die Three Lions allenfalls in der Gästekurve auf. Dabei war der englische Block gerade einmal zu 60 Prozent gefüllt. Das war irgendwie absehbar und es gibt kaum Chancen auf Besserung.

Viele Fans und Journalisten widmen sich dieser Tage der schlechten Stimmung im Berliner Olympiastadion beim Länderspielklassiker, der am Samstag nicht einmal ausverkauft war. Woran lag es? Am heterogenen Publikum? Am Fehlen der Ultras? Am zum Teil fußballerisch desinteressierten Event-Publikum, welches durch exklusive Veranstaltungen, den Weltmeister-Hype und steigende Preise magisch angezogen wird? An den Terroranschlägen in Brüssel und der Absage des letzten Länderspiels in Hannover, die vielen Zuschauern anscheinend noch durch den Kopf geisterten und die Stimmung drückten?

Alles wichtige Punkte, die zusammengenommen sicherlich einem Erklärungsansatz dienen. Fehlende Fangesänge, Pfiffe bei der Schweigeminute und der englischen Hymne sowie eine Laola beim Stand von 0:0 lassen erahnen, dass es am Samstag viele Event-Zuschauer ins Olympiastadion gezogen hat und viele treue und fußballbegeisterte Anhänger zuhause geblieben sind. Bei Kartenpreisen jenseits des Bundesliga-Durchschnitts mag dies auch finanzielle Gründe gehabt haben. Nicht zuletzt wirkte die Inszenierung des deutschen Teams lächerlich übertrieben (#DieMannschaft).

Neben den sportlichen Highlights macht die Stimmung eigentlich den Stadionbesuch aus. Bleibt diese aus, wird auch der Stadionbesuch weniger reizvoll. Damit könnte sich eine Abwärtsspirale in Gang setzen: Steigende Ticket- und Cateringpreise, abnehmende Freiheiten für aktive Fans, Zunahme von Sicherheitskontrollen und Überwachung, Wandel der Zuschauerstruktur, Stimmungsflaute und daraus resultierend sinkende Zuschauerzahlen und Desinteresse der Fans. Dieses Szenario droht auch der Bundesliga, weil immer mehr Klubs in die oberen Ligen vorrücken, bei denen Historie und Fankultur überschaubar sind.

Noch ist Zeit, umzusteuern. Nachhaltiges Wirtschaften heißt nämlich auch, sein Erfolgsprodukt Profifußball zu pflegen und nicht durch übertriebene Verkaufsziele zu zerstören. Einzig fehlt der Glaube, dass DFB und DFL diese Entwicklung verstehen und einen Kurswechsel einleiten. Der Trend zu fanunfreundlichen Anstoßzeiten mit Montagsspielen im Fußballoberhaus lässt vielmehr erahnen, wo die Reise hingeht. Ob halbvolle Stadien in Asien gut angekommen?

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