Buchbesprechung: Schwarzmarkt Tickethandel – ein professioneller Händler berichtet

Den Schwarzmarkt gibt es wohl so lange, wie es Menschen gibt. Insbesondere der Markt an Eintrittskarten boomt seit Jahren, er ist zu einem Milliardengeschäft geworden. Auch in Deutschland verkaufen viele Private Eintrittskarten weiter. Manche tun es aufgrund der Unvereinbarkeit des Events mit Dienstzeiten, Krankheit oder privaten Terminen, andere bessern damit ihr Einkommen auf oder bestreiten diesen davon. Einer dieser professionellen Händler ist Wim Bledon. So lautet zumindest sein Pseudonym, unter dem er das Buch „Schwarzmarkt Tickethandel“ verfasst hat. Das Buch erschien Mitte 2015 im Panda Verlag.

Der Leser erfährt in dem mehr über Events, für die Tickets gehandelt werden. Neben Modenschauen, Konzerten (Helene Fischer und Stars auf Abschiedstour, etwa Barbara Streisand oder die Scorpions, stehen besonders hoch im Kurs), Flug- und Zugtickets, Volksfesten (Oktoberfest mit Sitzplatz im Zelt) Eurovision Song Contests, dem Super Bowl, Fußballwelt- und Europameisterschaften (sofern nah und sicher), Beerdigungen sowie Hochzeiten von Stars und Festivals (Tomorrowland oder Wacken) ist die Fußballbundesliga bei den Fans und damit auch bei den Händlern heiß begehrt.

Beim Fußball sind Champions und Europa League sowie DFB-Pokalpartien und insbesondere Heimspiele der Klubs Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und mit Abstrichen auch noch von Werder Bremen bei den Zuschauern besonders gefragt. Wer keine Dauerkarte oder kein Vorkaufsrecht besitzt, kommt oft nur schwer an Karten für die genannten Partien. Wer bereit ist, etwas oder deutlich mehr als den Originalpreis auszugeben, der kann sich bei Ebay oder auf Ticketportalen wie Viagogo, markt.de, Ventic oder Seatwave mit Eintrittskarten eindecken. Autor Wim Bledon schätzt den Anteil der professionellen Kartendealer auf Ebay bei angebotenen Tickets auf rund 40 Prozent.

Wer als Fan das entsprechende Geld nicht mitbringt, bleibt bei überbuchten Spielen nicht selten außen vor. Der Schwarzmarkt treibt die Preise in die Höhe und führt damit auch zu einer Art sozialer Selektion. Eventbesucher verdrängen treue Fanseelen. Soweit, so bekannt. Öffentlich schon kontrovers diskutiert wurden Kooperationen von Vereinen mit Kartenportalen wie Viagogo. Diese Reselling-Plattformen wurden damit vom Schwarz- und Graumarkt etwas reingewaschen. Die Akzeptanz der Portale stieg. Über diese Seiten bieten aber nicht nur einzelne Klubs oder Reseller ihre Karten an, auch aus Kontingenten von Sponsoren, Reiseveranstaltern und Funktionären geraten Karten in die Ticketbörsen. Und genau hier wird es heikel.

Während durch große Kontingente für Sponsoringpartner, Reiseunternehmen und Verbands- und Vereinsfunktionäre große Kartenkontingente nicht mehr zum Originalpreis für Vereinsmitglieder zur Verfügung stehen oder in den freien Verkauf durch die Klubs gehen, werden über das Reselling ordentliche Preisaufschläge gemacht. Viagogo verdient dabei ebenso mit, wie die Klubs, die ihre Karten über diese Portale verkaufen.

Dass Sponsoren aber mit ihren Kartenkontingenten häufig nicht ihre Geschäftspartner oder Angestellten beglücken, sondern diese Tickets steuerfrei an Reseller verkaufen, die die Karten mit einem weiteren Preisaufschlag auf den Markt werfen, ist nicht nur ethisch, sondern auch steuerrechtlich problematisch. Ebenso verhält es sich bei Reiseanbietern, die ohne Kenntnis der genauen Paarungen Monate oder Jahre im Voraus Tickets für EM-, WM- oder Pokal(end-)spiele anbieten und am Ende nur einen Teil der Karten für Pauschalreisen mit Hotel und Busfahrt nutzen. Auch hier gibt es nämlich schwarze Schafe, die einen kleinen oder großen Teil ihrer Tickets direkt oder (ungefährlicher) über Reseller mit ordentlichen Aufschlägen anbieten.

Am verwerflichsten ist der Verkauf von Frei- und Ehrenkarten aber bei Funktionären oder Ex-Profis. Nicht erst seit den FIFA-Skandalen ist klar, dass Verbandsfunktionäre vielfach Kartenkontingente weiterverkaufen und damit Geld verdienen. Diese Szenarien waren vereinzelt bekannt, einige konnte man sich denken. Nun bestätigt aber ein aktiver Schwarzmarktprofihändler, dass es in der Praxis so gelaufen ist und auch weiter laufen wird. Er nennt als Beispiele einen Deal bei der WM 2006 mit dem Anbieter Eventim oder die Geschäfte der FIFA-Agentur „Match Services“, die eigentlich gegründet worden war, um den Schwarzmarkt zu bekämpfen und dann das genaue Gegenteil tat.

Vereine, die am Schwarzmarkt direkt oder über die künstliche Verknappung bezahlbarer Tickets und damit verbundenen Exklusivitätssteigerungen ihrer Events indirekt vom Schwarzmarkt profitieren, haben nur bedingtes Interesse, gegen den Schwarzmarkthandel vorzugehen. Ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) sind zum Teil rechtlich auch nicht hinreichend formuliert, um wirksam gegen Profi-Weiterverkäufer vorzugehen. Zudem kann ein Verein rechtlich und moralisch nicht den Schwarzmarkt bekämpfen und parallel Partner von Portalen wie Viagogo sein. Hamburg und Schalke haben entsprechende Diskussionen ebenso geführt wie der FC Bayern und andere Klubs.

Auch personalisierte Tickets helfen kaum, den Schwarzmarkt zu zerstören. Aus Praktikabilitätsgründen wird nicht jede Personalisierung am Stadioneingang kontrolliert. Sonst würde sich der Einlass um einige Stunden strecken. Die Tickets werden oft schon untern ausgedachten oder falschen Namen erworben. Zum Teil notwenige Personalausweisnummern werden hierzu wohl nicht ganz legal erworben und genutzt. Hierzu schweigt sich Wim Bledon in seinem rund 300 Seiten starken Buch aus. Zudem muss für Privatkäufer immer eine Ticketweitergabe möglich sein. Kurzfristige Verhinderungen würden sonst den Verfall der Tickets und somit unverhältnismäßige Härten für den Kartenkäufer bedeuten.

Natürlich sind auf dem Ticketschwarzmarkt auch dunkelschwarze Schafe unterwegs, die keine Tickets haben und Käufer nur prellen wollen. Diese Minderheit ruiniert das Vertrauen in den Schwarzmarkt und damit auch die Preise der regelmäßigen Anbieter. Profianbieter haben an solchen Aktionen kein Interesse.

Interessant zu lesen war in „Schwarzmarkt Tickethandel“, wie durch ausgedachte Namen und Adressen sowie die Möglichkeit der anonymen Bezahlung (bei SEPA ist der Name des Empfängers egal und damit beliebig austauschbar) Schwarzmarkthändler ihr Geschäft bequem und ohne realen Namen online abwickeln können – oft mit mehreren Accounts gleichzeitig. Durch Datenbanken und Automatisierungstools sind die Händler häufig richtig professionell aufgestellt. Einige haben sogar Fanclubs übernommen oder angemeldet, nur um an Karten für den Weiterverkauf zu kommen. Nicht wenige Reseller halten eigene Dauerkarten. Nur kleinere Fische würden vor den Stadion noch Karten verkaufen oder kaufen, um sie wiederzuverkaufen („Last-Minute-Combos“), so Wim Bledon. Das sei vielfach zu riskant, etwa bei persönlichen Auseinandersetzungen oder einer Marktsättigung vor Ort, die die Preise in den Keller sacken lasse.

Insgesamt sieht der Autor des Buches den Tickethandel wie den Handel mit Wertpapieren. Man müsse nur versuchen, an Tickets kommen und einschätzen können, ob die Nachfrage das Angebot deutlich übersteige. DFB-Pokalspiele von Wolfsburg, der Eurovision Song Contest (ESC) in Düsseldorf und einige Champions League Spiele von Bay 04 Leverkusen seien zum Beispiel finanzielle Fiaskos gewesen. Vielfach würden Studenten bezahlt, um sich vor Ort stundenlang in Menschenschlangen anzustellen, nur um ein paar Tickets für begehrte Events zu ergattern. Die Gewinnmargen gäben es her, Leute für das Besorgen der Karten zu bezahlen. Oft böten Händler Karten schon an, ohne dass sie diese schon hätten (Leerverkäufe). Dann müsse man halt Karten günstiger besorgen, als man sich schon leer verkauft habe. Das Risiko ist also nicht unerheblich. Die Gewinnmargen können dafür grandios sein. Schwarzmarkthändler müssen jedoch nicht zuletzt wegen der bestehenden Gesetze (Steuerrecht, Geldwäschegesetz), Polizei, Abmahnanwälten und Querulanten unter den Kunden ein dickes Fell haben. Auch der Schwarzmarkttickethandel ist kein Ponyhof, obwohl die geltenden Gesetze und die Rechtsprechung durchaus Raum für ihr Geschäft belassen. Schließlich gelten viele AGBs in der Regel nur zwischen Verein und Erstkäufer.

Weiterempfehlungstipp: Neben vielen Erfahrungen aus der Praxis bietet der Autor auch einen rechtlich vernünftigen und gut recherchierten Überblick für den Ticketzweithandel. Das Buch kann man gut lesen, es ist aber keine Pflichtlektüre für Sportfans. Für Ticketkäufer und -verkäufer schon eher.

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