Von Schubert, Favre und Rot-Weiss Essen

Ob Lucien Favre sich noch die Spiele von Borussia Mönchengladbach anschaut? Ich hoffe nicht. Denn das, was er da zu sehen bekommt, könnte er nicht ertragen. Viereinhalb Jahre war ihm nichts wichtiger als Ordnung und Kontrolle. Doch von beidem ist Borussia unter Andre Schubert so weit entfernt wie Rot-Weiss Essen vom Europapokal.

 
Den Faktor Zufall gab es unter Favre so gut wie gar nicht. Die Rückrunde 2014/15 war das Paradebeispiel dafür. Zehn Gegentore in 17 Spielen (davon alleine drei im bedeutungslosen letzten Spiel gegen Augsburg) – Borussia war einfach nicht zu knacken. Das war die Basis für 39 Rückrundenzähler. Nicht die Offensive. Gladbach schoss nur dreimal mehr als zwei Tore in der Rückrunde. Die häufigsten Ergebnisse waren fünfmal 2:0 und viermal 1:0.

Unter Schubert gibt es Ergebnisse wie beim Futsal. Der Zufall entscheidet, wer als Sieger vom Platz geht. Zweimal 4:2, einmal 3:4, zweimal 5:1, einmal 0:5, einmal 3:3, einmal 3:2, einmal 2:3… Das ist für jeden objektiven Fußballgucker ein Traum, für einen Gladbach-Fan wie mich ist es eine Qual.

Zu bestaunen war es gestern Nachmittag für mich live im Volkspark. 20 Minuten lang hatte Borussia alles im Griff, dann reichten dem HSV einfachste Mittel, um zu drei Toren zu kommen. Lange Bälle, zwei Tore nach Ecken, Feierabend. Die Niederlage war verdient. Mit Favre wäre die Partie nach dem 1:0 so gelaufen: Borussia hätte sich clever zurükgezogen, das Mittelfeld und die Abwehr trichterförmig verdichtet, der HSV wäre verzweifelt angerannt und das Endergebnis wäre ein 1:0- oder 2:0-Auswärtssieg gewesen.

In der Hinrunde hatte sich Schubert noch beklagt, dass er zu wenig Zeit habe, um anständig zu trainieren. Alle drei Tage ein Spiel, da blieb nur Zeit zum Regenerieren. Im Nachhinein muss man festhalten: zum Glück hatte er keine Zeit zum Trainieren. So geriet die Mannschaft in einen Siegeslauf, der für enormes Selbstvertrauen sorgte. Sie hatte den Favre-Stil noch intus, ging dabei nur aggressiver vorne drauf. Nun hat Schubert die Zeit zum Trainieren, und die Mannschaft vergisst das, was sie stark gemacht hat.

Die Folge: 38 Gegentore sind die zweitmeisten der Liga. Nur die ligaweit beste Chancenverwertung sorgt für einen Platz in der ersten Tabellenhälfte. Das wird nie und nimmer für einen Europapokalplatz reichen. Und wer jetzt noch von der Champions League träumt, glaubt auch daran, dass Rot-Weiss Essen nächstes Jahr in der Europa League spielt.

Wenn man es positiv formulieren möchte, kann man sagen, dass Schuberts Ansatz einer für Fußballromantiker ist. Aber er ist der falsche.

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