Trainingslager: Zwischen Bundesligavorbereitung, Moral und Politik

Fußballmannschaften fahren ins Trainingslager. Dies ist das aktuell wieder der Fall – es ist Winterpause und die Rückrundenvorbereitung ist in vollem Gange.
In „sozialen“ Netzwerken liest man Unmutsbekundungen über die Entscheidungen einiger Bundesligisten, ihre Trainingslager in bestimmten Ländern durchzuführen. Auch die Medien haben über Probleme – nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der WM in Katar – berichtet und versucht, aufzuklären.
Wir sind der Meinung, über dieses Thema sollte mit all seinen Facetten kontrovers diskutiert werden. Und genau dazu haben wir, Fabian und Alex, uns entschieden.
Wir haben uns im Vorfeld dafür entschieden, dass Fabian gegen die politische Verantwortung des Fußballs argumentieren wird und ich dafür.

Und los geht´s….

Alex:
Es freut es mich, dass wir erneut ein Pro und Contra hinbekommen haben und ich diesmal tatsächlich stärker meine persönliche Einstellung vertreten kann als beim Argumentieren für die Relegation.
Da das vorliegende Problem auch Moral beinhaltet habe ich zunächst auf die institutionelle Ebene geschaut. Das ist die emotionsloseste und trockenste Ebene – aber vielleicht gerade deswegen ein guter Einstieg.
In der Einleitung habe ich bewusst „Fußballmannschaften“ und nicht „Vereine“ geschrieben. Wenn ich richtig recherchiert habe, gibt es in der 1. Bundesliga lediglich drei Mannschaften, die noch im Rahmen eines Vereins, sprich „e.V.“, organisiert sind: Darmstadt, Schalke und Stuttgart.
Mit einem „eingeschriebenen Verein“ verbinde ich neben einer Satzung auch das Ehrenamt sowie gesellschaftliches und soziales Engagement und damit auch eine politische Verantwortung.
Eröffnen möchte ich daher mit einer Frage: „Kann man hier überhaupt noch von politischer Verantwortung sprechen, wenn die Mannschaften, in der Mehrzahl aus den Vereinen ausgegliedert sind?“
Ich würde, trotz dieser formellen, vermutlich wirtschaftlich motivierten Umstrukturierung sagen: Ja, Fußballvereine haben diese Verantwortung. Vereinsname, -wappen, -farben sind schließlich gleich geblieben.

Fabian:
Profiteams haben, egal ob ausgegliedert oder nicht, sicherlich eine Vorbildfunktion – etwa für den Breitensport. Die Klubs beschwören diese Rolle regelmäßig selbst, zum Beispiel bei der Integration. Ich bin skeptisch, ob diese gesellschaftliche Verantwortung zugleich auch politische bzw. außenpolitische Verantwortung und Einflussmöglichkeit bedeutet. Daher rate ich davon ab, voreilig den Stab über die Klubs zu brechen.

Alex:
Mir ging es zunächst um eine durch das Vereinsrecht geregelt Verpflichtung zu sozialem, gesellschaftlichem oder politischem Engagement. Mir schwebte da ähnliches wie bei Stiftungen vor: Beides Organisationsformen, die z.B. steuerliche Vorteile besitzen, da sie entsprechende Ziele verfolgen. Das ist aber leider nur Halbwissen, da ich kein Jurist bin.
Deswegen hatte ich die Vorbildfunktion erst einmal zurück gestellt. Was diese angeht, kann ich dir nur zustimmen. Ob ein e.V. oder eine GmbH & Co KG aA hinter dem Vereinsnamen steht spielt keine Rolle. Wer in der Öffentlichkeit steht, sich durch das öffentlichem Interesse finanziert (Stichwort: TV-Gelder), der hat eine Verantwortung.
Zunächst möchte ich klären, worin das gesellschaftliche Engagement besteht. Ich würde das mal plakativ Kampf für Toleranz nennen. Kampf für Toleranz, Integration und gegen Ausgrenzung des „Anderen“ (andere Hautfarbe, Herkunft, Sprache, sexuelle Orientierung, anderes Geschlecht, Menschen mit Behinderung, etc.). Es soll jeder die Möglichkeit zur Partizipation bekommen und keiner auf der Strecke bleiben.
Das Engagement kann monetär (Spenden), personell (Sozialarbeiter, Fan Projekte) oder symbolisch (z.B. „Rote Karte gegen Rassismus“) sein.

Fabian:
Die genannten Attribute sind eigentlich die Selbstverständlichkeiten, die unser Grundgesetz auch vereint. Darüber hinaus sind fast alle Vereine bzw. ausgegliederte Fußballmannschaften auch sozial engagiert. Erwächst daraus aber auch eine moralische Barriere, nicht in Länder zu fahren, wo die Rechte der Bürger eingeschränkt werden? Plakativ: Würde dann neben Saudi-Arabien und Katar auch die Türkei aufgrund der autokratischen Entwicklung herausfallen oder Polen wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit? Vielleicht bietet der Sport auch Chancen, westliche Werte zu transportieren. Er kann Vehikel sein. Dies ist aber kein Automatismus. Der Sport muss sich seiner Rolle auch bewusst sein und diese annehmen wollen.

Alex:
Ich lehne mich weit aus dem Fenster und sage: Ja, diese Länder sollten bei der Suche nach einem geeignetem Trainingslager gemieden werden. Auch dann, wenn man sich zwar jedweder politischer Verantwortung entsagt, aber das Mindestmaß an Überzeugung transportiert.
Diese Verantwortung richtig anzunehmen sähe für mich so aus, dass man entweder solche Länder meidet und ein „politisch korrektes“ Trainingslager abhält oder aber man reist dort hin und bezieht klar Position. Wenn man sich passiv und gleichgültig verhält oder gar wegschaut, dann begibt man sich auf das Niveau von Beckenbauer und das sollte nicht das Ziel sein. „Nichtstun ist auch ein Statement“ wie man so schön sagt. Unsere Medien mögen über solche Trainingslager von Fußballmannschaften kritisch berichten, die dortigen tun es nicht – frei nach dem Motto: Die „westlichen Medien“ berichten schlecht über uns, aber die Mannschaften kommen ja trotzdem, da kann wohl etwas nicht stimmen. Oder aber führende Politiker/Funktionäre dieser Länder lassen sich mit den Mannschaften oder einzelnen Spielern ablichten. Dann legitimiert man solche Regime auch noch. Unsere Bundeskanzlerin soll gern in solche Länder reisen, sie sollte aber neben der Wirtschaftsdelegation auch Kritik im Gepäck haben und Missstände offen ansprechen.

Fabian:
Missstände anzusprechen sehe ich bei politischen Delegationen auch als klare Aufgabe. Wirtschaftsdelegationen und Trainingslager von Profimannschaften können im Sinne von „Wandel durch Annäherung“ einen anderen Lebensstil, eine andere Kultur und auch ökonomische Vorteile aufzeigen, nicht zuletzt auch ein anderes Wertesystem – orientiert an unserem Grundgesetz. Diese Errungenschaften kann man beispielsweise offensiv vertreten, wenn man als Mannschaft Termine vor Ort wahrnimmt, etwa Schulen oder Fabriken besucht oder Sportler etc. zu sich ins Trainingslager einlädt. Als guter Gast muss man kein Dauerquerulant sein, kann aber trotzdem klar machen, dass man kein meinungs- und werteloser Mensch ist.

Alex:
Mit der Aufgabenverteilung und dem Querulantentum gebe ich dir Recht. Nur glaube ich nicht, dass diese Alternativen wahrgenommen werden, zumindest habe ich nichts über etwaige Termine gehört oder gelesen. Und dadurch wird die Verantwortung, die sie meiner Meinung haben, nicht durch die Mannschaften wahrgenommen.
Eine Parallele zu vielen öffentlichen Statements von Politikern, die äußerst weichgespült wirken, da man sich möglichst nicht angreifbar machen möchte. Da Fußballer das mittlerweile auch sehr gut können, gucke ich mir die Interviews nach Spielen meist nicht mehr an. Mehr als ein Einheitsbrei von Floskeln ist es oft nicht. Also stelle ich hier die These auf: Die Vereine kommen ihrer Verantwortung nur mangelhaft nach und die Spieler, die sich äußern würden, werden von der „Mediensteuerung“ des Vereins davon abgehalten. Jetzt könnte eine kritische Äußerung von Spielern oder Verantwortlichen gegenüber dem Gastland bzw. den dort vorherrschenden Problemen natürlich auch nach hinten losgehen aber das macht eine Demokratie nun einmal aus, deren Werte auch auf diesem Wege kommuniziert werden könnten.

Fabian:
Auch wenn sich die Vereine und Spieler nicht oder nur ohne Ecken und Kanten äußern – über die Situation der Menschenrechte in einigen Ländern wäre überhaupt nicht in den deutschen Medien gesprochen worden, wenn deutsche Mannschaften nicht in diese Länder fliegen würden. Gerade in Asien möchte die Bundesliga einen neuen Markt erschließen und im Kampf um Übertragungseinnahmen Boden gegenüber der Premiere League gutmachen. Mich irritiert, dass politische und wirtschaftliche Delegationsreisen nicht dieselbe Aufmerksamkeit in den Medien erhalten, wie die Fußballmannschaften – obwohl deren Aufgabe es vielmehr wäre, Menschenrechtsthemen anzusprechen.

Mir geht es bei den Interviews übrigens wie Dir. Viele Fans fordern Spieler und Verantwortliche mit Ecken und Kanten, gleichzeitig ziehen wir medial jeden schiefen Halbsatz wochenlang durch den Kakao und schleifen damit viele kantige Persönlichkeiten ab. Spieler verzichten lieber auf ein eigenes Statement, um Shitstorms oder Abneigung zu entgehen. Eine solche Entwicklung schadet nicht nur der Bundesliga, sondern auch der Politik und vor allem der Gesellschaft. Übertriebene „Political Correctness“ halte ich daher für eine Gefahr für den offenen Diskurs freier Gesellschaften.

Alex:
Nun, das mit den Delegationen ist tatsächlich eine Diskrepanz. Die einen könnten praktisch etwas bewirken, besitzen aber keine oder kaum bekannte Gesichter für die Öffentlichkeit, in der die anderen per se, durch die Popularität ihres Sports stehen. So erkläre ich mir weshalb klare öffentliche Statements vor allem von den einen und nicht so von den anderen erwartet werden. Zumal der Grund für die Reisen der Fußballteams neben den sportlichen Aspekten auch wie du schon geschrieben hast Medieneinnahmen sind.
Leider wird dies jedoch nicht oder nur zu selten gesehen – nämlich dass die eigenen Freiheiten auch Verantwortung mit sich bringen. Das ist so, wie wir unsere Demokratie hoffentlich alle toll finden, aber dann doch nicht wählen gehen.
Eine Überleitung zu einem weiteren Punkt, den ich ansprechen möchte: Union Berlin, BFC Dynamo, Lazio Rom oder auch der FC St. Pauli sind Vereine, die mir spontan einfallen, wenn ich an die Verbindung von Fußball und Politik denke.
St. Pauli nimmt politische Verantwortung in einem gesunden, im Vergleich zu den anderen Klubs sehr umfangreichen Rahmen wahr, denke ich. Man denke nur an das Projekt „Viva con Agua“, welches der FC St. Pauli unterstützt. Ich denke das ist ein gutes Beispiel, wie es funktionieren kann. Politik und Fußball. Wie eine Vorbildfunktion eingenommen werden kann.

Fabian:
Richtig, Vereine können gesellschaftlich vorbildlich agieren oder entsprechende Aktionen aus der Zivilgesellschaft bzw. den Fanszenen unterstützen. Werder Bremen ist dafür ein gutes Beispiel, der Klub unterstützt im Rahmen seiner CSR-Aktivitäten viele Projekte, etwa an Schulen. Sollen wir dem Verein aber jetzt vorhalten, sein Trainingslager wie hunderte andere Mannschaften in der Türkei zu machen, obwohl die türkische Regierung sich derzeit autokratisch zeigt und es schwere Menschenrechtsverletzungen gibt? Oder hätte Werder sich politisch positionieren und damit exponieren sollen? Wir sollten von Vereinen Sensibilität erwarten, aber unsere Erwartungen zugleich auch nicht überhöhen. Es gibt in der Debatte vielleicht mehr Grautöne als unserer Orientierung lieb ist.

Alex:
Sich zu exponieren kann, denke ich, nicht schaden und wenn doch, wäre es für eine gute Sache gewesen. Manchmal zeigt die Reaktion dann auch, dass man den Finger in die richtige Wunde gelegt hat. Vielleicht schließen sich auch andere Vereine, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens sowie aus der Zivilgesellschaft an oder werden zumindest auf Missstände aufmerksam gemacht.
Wenn ich das bisher Diskutierte nachlese, sind wir uns grundsätzlich einig, dass sich Vereine engagieren sollten und dies zum Teil auch tun.
Fraglich bleibt lediglich, wie weit das gehen soll und inwieweit man es als verpflichtende Verantwortung oder freiwilliges Engagement ansehen möchte.

Fabian:
Verpflichtende Verantwortung kann es nur vor sich selbst bzw. im Blick auf die eigene gesellschaftliche Loyalität geben. Einen Zwang zur Positionierung oder zum Engagement sollte es aus meiner Sicht in einer freien Gesellschaft nicht geben. Er würde auch schnell zu einem Rückgang an Akzeptanz für Engagement führen. Zudem zeigt die Bundesliga exemplarisch, dass gerade soziales Engagement auch ohne Druck recht gut funktioniert.

Alex:
Ich denke das ist ein gutes Schlusswort. Damit sage ich danke für den guten Austausch und hoffe, dass sich demnächst wieder ein Anlass bietet!

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