Abstiegskampf an der Weser: Zwei Glücksgriffe und ihre Fehler

Bei Werder Bremen sieht es sportlich weiter prekär aus. Es ist Abstiegskampf angesagt. Von den Europapokalplätzen, von denen der zurückgekehrte Angreifer Claudio Pizarro zu Beginn der Saison öffentlich sprach, ist man so weit weg wie Borussia Mönchengladbach vom Gruppensieg in der Champions League. Dennoch sind zwei wesentliche Akteure beim SV Werder absolute Glücksgriffe: Manager Thomas Eichin und Trainer Viktor Skripnik.

Gerade der Trainer ist derzeit schon ordentlich in der öffentlichen Kritik, insbesondere nach der 0:6-Packung in Wolfsburg und der doch recht eindeutigen Heimniederlage im Derby gegen den HSV. Trotzdem ist es Skripnik, der wieder gezeigt hat, was das Bremer Team zu leisten im Stande ist. In der letzten Saison führte er das Team vom letzten Platz in der Bundesliga nur einen Punkt hinter den Qualifikationsplatz zur Europa League. In dieser Saison stottert die Maschine wieder, insbesondere zuhause im Weserstadion ist Werders Punkteausbeute miserabel. Dennoch ist die Identifikation zwischen Trainer, Mannschaft, Fans und Stadt erstaunlich hoch. Mit einem externen Trainer, der den Verein nicht so liebt und kennt, wäre das wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Ebenso verhält es sich auf der Position des Managers, nur mit anderen Vorzeichen. Nach dem Abschied von Klaus Allofs nach Wolfsburg hat Werder den Ex-Profi aus Gladbach verpflichtet. Eichin ist kein Ex-Werderaner und niemand, der in den letzten Jahren in der Bundesliga gearbeitet hat. Dafür ist er ein cleverer Kopf, der im Eishockey erworben hat, was vielen Ex-Bundesligaprofis fehlt: Management- und auch Krisenerfahrung in verantwortlicher Position. Davon profitiert Werder jetzt.
Der Verein hat seit der ausbleibenden Qualifikationen für die Champions League zu wenig Einnahmen bei zu hohen Ausgaben gehabt. Der Kader war teuer und die Spieler hatten noch länger laufende Verträge. Der Klub musste Jahr für Jahreinen zweistelligen Verlust verkünden. Eichin verkaufte also liebgewonnene Spieler, hob Verträge auf und hinterfragte auch abseits des Kaders viele Ausgaben. Das Stadion öffnet an Spieltagen nun später, das Stadionheft wurde an einen externen Partner vergeben, bei der jährlichen Weihnachtsfeier mit den Fanclubs wurde an warmer Mahlzeit und den sonst üblichen Weihnachtsschals für die treuen Anhänger gespart. Rundum: Es wurde alles auf den Prüfstand gestellt. Das ist für viele Angestellte und Fans von Werder neu und unbequem. Man macht sich mit so einem Kurs nicht nur Freunde. Das Verlassen alter Pfade und liebgewonnener Gewohnheiten war aber richtig: Denn weitere Verluste kann sich Werder nicht erlauben. Das Eigenkapital ist nahezu aufgebraucht. Der Ausweg hätte in Schulden und externer Abhängigkeit bestanden. So wird Werder aber nächstes Jahr die schwarze Null schreiben, so ist zumindest der Plan.

Eichin und Skripnik passen zu Werder und helfen dem Klub mit ihrer Erfahrung und ihrer Leistung. Als Anhänger der Grün-Weißen wünscht man sich aber derzeit eine deutlich bessere Kommunikation. Werder präsentierte zum Beispiel kürzlich einen Slogan pro Tierschutz auf der Brust, auf der sonst der umstrittene Sponsor Wiesenhof mit seinem Logo zu sehen ist. Die gut gemeinte Aktion kam erwartet unglaubwürdig rüber. Es gab einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken und ein subtiles Fremdschämen auf den Rängen. Ein Kommunikationsdesaster mit Ansage und Anlauf.

Der neutrale Fußballinteressierte fragte sich ebenso wie der geneigte Fan des SVW, was bei Werder die Strategie bei Neuverpflichtungen ist. Während Viktor Skripnik öffentlich neue Spieler forderte, widersprach Thomas Eichin vehement – ebenfalls öffentlich. Können solche Gegensätze nicht intern geklärt werden? Werder-Insider wie Ex-Präsident Jürgen L. Born haben dies zu Recht kritisiert. Oder ist es Teil der abgestimmten oder unabgestimmten Strategie der beiden? Skripnik, der die mangelnde Punkteausbeute auf die Qualität des Kaders schiebt und Eichin, der sich als kompromissloser Sanierer positioniert? Das Problem: Bei der öffentlichen Kontroverse verlieren beide. Ihr Vorgehen wirkt unabgestimmt, Werder kommt öffentlich wenig geschlossen daher. Der Trainer, der das Image hat, aus dem vergleichsweise günstigen Kader mit verschiedenen Talenten viel zu machen, macht sich unglaubwürdig. Hatte der Coach mit einer ähnlichen Elf (jetzt mit Ujah und Pizarro statt di Santo) letztes Jahr einen Durchmarsch hingelegt, so soll die Elf nun nicht ausreichend Qualität haben? Diese Aussage wirkt hilflos.

Nach der Niederlage gegen Hamburg wirkte Viktor Skripnik in der Tat niedergeschlagen und ratlos. Rechtzeitig vor der Partie in Stuttgart, wo Werder einen Rückstand aufholte und den Konkurrenten mit dem Unentschieden auf Distanz hielt, versprühte der Ukrainer hingegen wieder Optimismus und Zuversicht. Das war allen Zuschauern spätestens beim Interview des Ex-Spielers mit dem Bezahlsender Sky kurz vor dem Anpfiff klar, wo Skripnik betont locker und fröhlich daher kam. Diesen wiedergewonnenen Optimismus hatten viele Beobachter erkannt. Er wäre kaum eine Schlagzeile wert gewesen. Dann kam jedoch Thomas Eichin und kritisiert öffentlich Skripniks weiche Seite. Er dürfe Niederlagen nicht so persönlich nehmen und müsse mehr Stärke zeigen. Zack, das saß. Wieder kam Eichin mit einer inhaltlich durchaus richtigen Einschätzung daher, die er intern prima hätte anbringen können. Stattdessen tat er es öffentlich und traf damit sicherlich auch den Trainer empfindlich.

Man kann nur hoffen und den Verantwortlichen von der Weser empfehlen, Dispute künftig direkt zu klären und nicht öffentlich. Das können Skripnik und Eichin durchaus von ihren Vorgängern lernen. Hoffentlich bekommt der Ukrainer die Chance, auch nach der Winterpause zu beweisen, dass sein Team es besser kann und dass auch die Kommunikation des SV Werder wieder professioneller und zwischen Manager und Trainer abgestimmt wirkt.

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