Favres Rücktritt – und mein Versuch, ihn zu verstehen

Lucien Favre ist nicht mehr Trainer von Borussia Mönchengladbach. Das ist für jeden Gladbach-Fan kaum vorstellbar. Zu sehr war die Erfolgsgeschichte der vergangenen viereinhalb Jahre an Favre geknüpft. Der Rücktritt fühlt sich an, als hätte Knut Reinhardt einem mit voller Wucht in die Magenkuhle getreten. Und im ersten Moment fühlt es sich an, als seien der Klub, die Mannschaft und die Fans im Stich gelassen worden. Trotzdem versuche ich hiermit, Lucien Favres Schritt zu verstehen. So viel sei vorab verraten: Es fällt mir nicht leicht.

Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, dass Lucien Favre ein Dramatiker ist. Wie selbst aus Vereinskreisen zu hören war, muss Favre bereits mehrmals bei Max Eberl im Büro gestanden und seinen Rücktritt eingereicht haben. Bislang war es Eberl und den Anderen im Vorstand jedes Mal gelungen, den Schweizer umzustimmen. Dieses Mal nicht. Und das kann nicht ausnahmslos mit der sportlichen Situation begründet werden.

Als Favre im Februar 2011 das Amt von Trainer-Dilettant Michael Frontzeck übernahm, sah es viel düsterer aus. Bis zum 22. Spieltag hatte die Fohlenelf noch nicht ein Heimspiel gewonnen. Innerhalb der restlichen zwölf Spieltage gelang Favre eine wundersame Rettung. Diesmal hätte er sogar noch 29 Spieltage Zeit gehabt, die richtigen Knöpfe zu drücken.

Es wäre ihm bestimmt gelungen, doch das war längst nicht mehr sein Anspruch. Er hatte die Latte für sich selbst mit der vergangenen Rückrunde (39 Punkte!) dermaßen hoch gelegt, dass sie völlig unerreichbar war. Favre musste sich eingestehen, dass er sich und die Mannschaft in Gladbach nicht mehr verbessern kann. Für einen Perfektionisten wie ihn dürfte es unfassbar schwer sein zu sehen, wie er sein eigenes Werk verschlechtert. Noch einmal von vorne anfangen? Quasi bei Null? Eine Reise um viereinhalb Jahre in die Vergangenheit? Dafür konnte er sich nicht mehr motivieren.

Zeitpunkt und Stil des Rücktritts sind nicht nur diskutabel, sondern geradezu grotesk. Er macht es dem Klub und nicht zuletzt seinem noch zu findenden Nachfolger unendlich schwer. Aber diese Verhaltensweise passt zum kauzigen Favre. So lange der Erfolg da war, hat man ihm sein zuweilen auch divenhaftes Verhalten gerne nachgesehen.

Den Zenit hatte Borussia im Sommer überschritten. Das wussten fast alle. Aber fast alle hätten das auch akzeptiert. Favre nicht.

In der Rückrunde 2014/15 ist Lucien Favre schlicht und einfach zu gut für sich selbst gewesen.

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