Relegation: Fluch oder Segen?

Morgen beginnt die Relegation zur 3. Liga, Donnerstag kämpft der HSV gegen Karlsruhe um den Dino-Status und am Freitag kommt es zum tierischen Duell Löwen gegen Störche. Die Relegation sorgt unter den Fußballfans für einige kontroverse Diskussionen. Unsere Autoren Alex und Fabian haben sich über die Relegation ausgetauscht. Statt zwei Monologe in unserer altbewährten Rubrik „Pro contra Contra“ zu halten, haben sich beide in einen Dialog über Sinn und Unsinn der Relegation begeben. Dabei sind oder waren beide betroffen: Ihr Verein Werder Bremen musste zwar bisher nicht in die Relegation, dafür zwei andere Klubs, denen die beiden die Daumen halten: Arminia Bielefeld und Holstein Kiel. Alex gefällt die Relegation, Fabian nicht. Lest hier die Argumente der beiden:

Alex/Pro: Für die Relegation spricht, dass es auf diesem Wege zwei zusätzliche Spiele gibt, die im Gegensatz zu einem Ligaspiel noch größere Brisanz besitzen und damit größere Spannung versprechen!

Fabian/Contra: Wenn ich mir die Tabellen der ersten und zweiten Liga vor dem letzten Spieltag der aktuellen Saison ansehe, sind noch rund zehn Mannschaften im Abstiegskampf gewesen. Die Spannung war auch ohne die Relegation enorm. Wenn die Meisterschaft in der Bundesliga schon nicht spannend ist, so ist es der Abstiegskampf umso mehr.

Alex: Die Meisterschaft hat sicher an Reiz verloren. Aber wenn man in die 3. Liga schaut, sind die Aufstiegsplätze und der Relegationsplatz schon vor dem letzten Spieltag vergeben. Es muss also nicht die Regel sein, dass es am unteren Ende soviel spannender ist, als am oberen. Neben der Spannung gilt es in den beiden Spielen als Zweitligamannschaft, seinen Lauf, der einen soweit nach oben geführt hat, zu bestätigen. Für die Erstligamannschaft ist es die Möglichkeit, eine verkorkste Saison so zu korrigieren. Wenn sie dennoch verliert, dann muss sie auch zurecht eine Liga runter. Wenn die Zweitligamannschaft hingegen verliert, mag dies ungerecht erscheinen, aber möglicherweise ist sie dann auch einfach noch nicht reif für die obere Liga.

Fabian: Die Reife für die höhere Spielklasse sollte eine Mannschaft nach dem Aufstieg beweisen können. Die Relegation ist eine Benachteiligung der unteren Spielklassen und eine Privilegierung der Bundesliga. Während früher drei Teams der 2. Liga direkt aufsteigen durften, haben jetzt nur noch zwei Teams das direkte Aufstiegsrecht. Wer als Zweitligist eine gute Saison spielt und sich Platz drei sichert, der kann in der Relegation scheitern. Die guten Ergebnisse in der Liga werden damit nicht mehr belohnt. Ein schwacher Bundesligist, der 16. wird, steigt nicht mehr verdientermaßen ab, sondern bekommt noch die Chance, mit zwei erfolgreichen Spielen eine ganze verkorkste Saison zu korrigieren. Der HSV hat uns gegen Fürth gezeigt, dass hierfür nicht einmal ein Sieg notwendig ist und man mit 27 Punkten die Klasse halten kann.

Noch unfairer ist die Regelung in den fünf Regionalligen, wo die Meister nicht direkt in die 3. Liga aufsteigen, sondern gegeneinander Relegationsspiele bestreiten müssen, wobei die Südwest-Liga hierfür aufgrund der Mitgliederstärke des Verbands sogar zwei Teams stellen kann. Weniger Regionalligen und direkte Aufstiege der Meister fände ich gerechter. Ein Meister, der nicht aufsteigt, passt nicht zum Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit der Zuschauer.

Alex: Nun, anstatt Reife könnte man es auch als Meisterstück der Saison bezeichnen, wenn die Relegation geschafft wird.

In Sachen HSV fällt es mir, als Mitglied eines Werder-Fanclubs natürlich schwer, dagegen zu argumentieren. 27 Punkte und zwei Unentschieden sind mehr ein Schlag in den Nacken oder in die Magengrube des unterlegenen Teams als ein verdienter oder überzeugender Klassenerhalt.

In diesem Fall könnte jedoch, ohne die Relegation an sich zu verteufeln, auch an dem Modus gedreht werden. Sprich ohne Sieg geht nichts oder es gibt statt zwei Spielen eines auf neutralem Boden, wie es in den Amateurligen des Öfteren der Fall ist.

In den unteren Ligen ist der erschwerte Sprung, z.B. der von der 4. in die 3. Liga, ohne Frage unfair. Wenn die Relegation die Durchgängigkeit zwischen einzelnen Ligen derart erschwert, ist sie definitiv abzulehnen. In diesem Fall betrifft es jedoch nur zwei von sechs Mannschaften.

Des Weiteren möchte ich noch einmal auf den Spannungsbogen zurückkommen. Bielefeld, ein Verein, der mir ebenfalls am Herzen liegt, ist bekannterweise gegen Darmstadt ziemlich unglücklich, aber verdient, in der Relegation gescheitert. Darmstadt hat in der Folge, möglicherweise auch durch dieses Erlebnis zusammengeschweißt, eine hervorragende erste Zweitligasaison gespielt und den Durchmarsch in die 1. Liga geschafft. Bielefeld hat, wie wohl nur wenige Vereine es tun würden, am Trainer festgehalten, sich nach einem etwas verkorksten Saisonstart berappelt und den direkten Wiederaufstieg klar gemacht. Dabei wurden die ansonsten eher zurückhaltenden Fans aus Ostwestfalen ligaübergreifend für die Stimmung gelobt und es hat sich etwas entwickelt: im Verein selbst als auch im Umfeld. Also klar etwas Positives, was ohne zwei höchst dramatische Spiele nicht passiert wäre.

Fabian: Die Relegationsspiele zwischen Bielefeld und Darmstadt waren in der Tat richtig spannend und die Darmstädter Fans sprechen auch von einer Initialzündung durch das „Wunder von Bielefeld“. Gleichwohl hat Darmstadt zuvor eine prima Saison in Liga drei gespielt und hätte auch den direkten Aufstieg verdient gehabt. Ich sehe eine strukturelle Benachteiligung der unteren Ligen, die eher dazu führt, dass weniger Teams absteigen, weil sie durch die Relegation als 16er noch einen Freischuss zum Erhalt der Liga bekommen. Das wirkt sich sich finanziell aus. Künftige Aufsteiger haben es so noch schwerer, gegen die deutlich finanzkräftigeren Teams mitzuhalten, die schon länger im Oberhaus spielen. Nicht zuletzt deshalb wurden auch Braunschweig und Paderborn als chancenlose Aufsteiger bezeichnet.

Alex: Gegen die Durchgängigkeit zwischen den Ligen zu argumentieren ist schwer, da diese in der Tat erschwert wird und ich diese ebenfalls für ungerecht halte.

Zur Chancenlosigkeit der Aufsteiger haben aktuell sowohl Darmstadt als auch Karlsruhe gezeigt, dass sie in der 2. Liga nicht nur mithalten können, sondern auch eine hervorragende Rolle spielen. In der 1. Liga hat das in der Tat noch nicht geklappt. Da sehe ich jedoch den Fehler eher in den Unterschieden zwischen 1. und 2. Liga bei der Verteilung der TV-Gelder. In der 1. Liga haben die TV-Gelder einen ganz anderen Anteil am Umsatz als in der 2. Liga. Da sollte der Verteilungsschlüssel überdacht und geändert werden.

Auf diesem Wege würden die unteren Ligen gestärkt und der Abstand zur 1. Liga verringert werden.

Fabian: Die Änderung des Verteilungsschlüssels der TV-Gelder wird nicht gegen die Interessen der erfolgreichsten Klubs im Oberhaus erfolgen können. Daher sehe ich hier nur wenig Möglichkeiten zur finanziellen Verbesserung für die Zweit- und Drittligisten. Deshalb lehne ich die Relegation ab. Aber um ehrlich zu sein: Die aktuellen Relegationsspiele in dieser Woche gucke ich trotzdem – der Spannung wegen.

Dieser Beitrag wurde unter Pro contra Contra abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.