Kritik der Kommentatoren-Schelte

Zugegeben, ich sehe mir lieber Spiele der Vereine aus der 1., 2. und 3. Bundesliga an als Länderspiele. Ausgenommen davon sind natürlich die großen Turniere. Qualifikations- und Freundschaftsspiele schaue ich mir trotzdem aus Leidenschaft zum runden Leder an. Mir ist dabei egal, ob die Spiele der DFB-Elf bei ARD und ZDF oder bei RTL laufen. Das scheint vielen Fernsehzuschauern ganz anders zu gehen.

Während und nach jedem Länderspiel lese ich Kommentare im Internet und in den Zeitungen, welcher Kommentator wieder wie schlecht gewesen sei. Jede Silbe wird auf die Goldwaage gelegt. Dabei hängt tatsächlich viel mit Sympathie und wenig mit an festen Kriterien orientierter Kritik zusammen. Nehmen wir nur die Beispiele Fritz von Thurn und Taxis oder Marcel Reif. Beide moderieren zwar selten Länderspiele, haben in den (a-)sozialen Netzwerken jedoch ihre feste Gegnerschaft gewonnen, die sich nach jedem Spiel den Niederungen der Pöbelei und des rauen Tons hingibt. Aber auch feste Größen der öffentlich-rechtlichen Sender wie Gerd Gottlob oder Bela Réthy sind mittlerweile hochumstritten. Googelt man beide, so spuckt die Suchmaschine bei Gottlob „WM-Kritik“ und bei Réthy „nervt“ als erste Ergänzungsvorschläge zum Suchbegriff aus. Man muss sich damit abfinden, dass es kein Kommentator allen Fernsehzuhörern recht machen kann. Kommentatoren-Schelte ist wie das Gemecker von Gelegenheitsbahnfahrern bei Kleinstverspätungen oder Schiedsrichter-Verachtung im Stadion: Erwartbar, einfältig, Volkssport.

Wenn ein Kriterienkatalog Schritt für Schritt gleichsam an alle Kommentatoren angelegt würde, könnte man daraus eine qualitative Bewertung vornehmen. An der Sympathie zu Stimme und Wesen des Autors, die nun einmal Geschmacksfragen der Zuhörer sind, wird man dennoch nicht vorbeikommen. Die Ausgabe 10/2014 von 11Freunde hat jedoch gezeigt, dass sich deutsche Sportreporter in Sachen Spannungsbogen und Storytelling von den Kollegen aus dem Vereinten Königreich noch einiges abschauen könnten.

Heftige Kritik bekommt derzeit  RTL für seine Länderspielberichterstattung. Aber ganz ehrlich: Viele Zuschauer, die sich über die Gottlobs und Réthys dieser Welt auslassen, finden nun plötzlich Kommentator Marco Hagemann und Moderator Florian König am allerschlimmsten. Auch die starke (Eigen-)Werbung und Eventisierung stört einige an den Übertragungen bei RTL. Dabei waren es doch ARD und ZDF, die für Bierwerbung eine Ausnahme ihrer Regel machten, nach 20 Uhr keine Reklame mehr zu senden. Ich bin der Meinung: RTL hat die Chance verdient, sich wieder als Fußballsender zu präsentieren. Wir sollten froh sein, dass die öffentlich-rechtlichen Sender hier nicht wie bei Box- und Champions-League-Rechten in Summe 100 Millionen Euro von den Gebührenzahlern verbraten haben, obwohl es Angebote von Privatsendern gab. Wir sollten uns vielmehr glücklich schätzen, dass ein Privatsender die 20 Qualifikationsspiele zur EM 2016 und WM 2018 zeigt und ARD und ZDF damit enorme Mittel verbleiben, um ihrem Sendeauftrag nachzukommen: Grundversorgung mit Nachrichten, Hintergrundreportagen, Kultur und Sport – der übrigens mehr als nur den Fußball umfasst.

 

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