Die Mär von den schlechten Schiedsrichtern

Wie oft war während der Fußball-WM in Brasilien über die schlechten Schiedsrichterleistungen geredet worden? Tenor: Hier treffen die besten Mannschaften der Welt aufeinander und gepfiffen werden die Spiele größtenteils von unerfahrenen Amateur-Schiedsrichtern, die für umstrittene Entscheidungen auf den Plätzen verantwortlich sind.

Das ist natürlich von vorne bis hinten falsch. Traurig, dass diese These sich aber nicht nur in den Gazetten und den öffentlich-rechtlichen Sendern hielt, sondern sowohl von ehemaligen Spielern als auch von Ex-Schiedsrichtern wie Urs Meier befeuert wurde. Da konnte man sich nur an den Kopf fassen. Das tat ich auch, als ich den vorgenannten Tenor in der aktuellen Ausgabe von 11Freunde in einem kurzen Statement komprimiert las, vorgetragen vom von mir fußballerisch verehrten Ex-Werder-Profi Uli Borowka.

Der Satz von den besten Spielern und den schlechtesten Spielern ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig wäre.

Natürlich spielen bei einer Weltmeisterschaft im Fußball nicht die besten Mannschaften der Welt. Sonst wäre wohl in Brasilien 2014 Schweden dabei gewesen und Honduras nicht. Das liegt daran, dass bei der Qualifikation ein Proporz nach Kontingenten erfolgt. Insofern spielen einige der besten Nationalmannschaften der Erde gegeneinander, aber das Teilnehmerfeld ist nicht identisch mit der FIFA-Weltrangliste.

Ebenso verhält es sich mit den Schiedsrichtern. Auch hier gibt es einen Proporz, so dass erfahrene Schiedsrichter aus Profiligen ebenso bei der WM an der Pfeife waren, wie international unerfahrene Schiedsrichter, die im Ligaalltag nicht in professionalisierten Ligen pfeifen.

Trotzdem ist der Schluss nicht richtig, dass gerade für Schiedsrichter aus kleineren Ländern deutlich schlechter gewesen wären als diejenigen aus den Ländern mit leistungsstarken Profiligen. Im Detail analysiert wurden die Leistungen der WM-Schiedsrichter unter anderem vom Podcast „Collinas Erben“, die die These von Borowka und Co. auch nicht stützen konnten.

Zudem fängt jeder Schiedsrichter und jeder Spieler einmal jung und auf geringerem Leistungsniveau an, um sich dann – im Optimalfall zum WM-Debüt- zu steigern. Warum sollten Schiedsrichter diese Chance nicht erhalten, wo sie doch vielen jungen Spielern zuteil wurde?

Zudem ist Erfahrung keine Garantie für dauerhaft gute Leistungen an der Pfeife: Bestes Beispiel ist der von mit hoch geschätzte Schiedsrichter Howard Webb, der seine Spiele fast immer total in Griff hat und seit Jahren in der Weltspitze pfeift. Dennoch entglitt ihn das WM-Finale 2010.

Um das Schiedsrichter-Niveau insgesamt zu steigern, schlägt Ex-Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier vor, Profi-Schiedsrichter einzuführen. Aber wo bestünde bei der Professionalisierung des Schiedsrichterwesens in Europa noch der Unterschied zum
hauptamtlichen Schiedsrichter, der ohnehin vier bis sechs Tage in der Woche trainiert? Aus meiner Sicht würden die Referees so noch den letzten Rest an Unabhängigkeit aufgeben, den Ihnen die Teilzeitbeschäftigung in ihrem Beruf gewährt. Was wäre zudem, wenn ein Profi-Schiedsrichter mehrere krasse Fehlentscheidungen trifft? Wäre er dann ohne Perspektive entlassen? Wie attraktiv wäre dieser Beruf dann noch? Und bekommen Profi-Schiedsrichter, die maximal 20 Jahre auf Topniveau pfeifen, eine Schiedsrichter-Rente? Insgesamt schafft der Vorschlag von Meier mehr Fragen als Antworten. Dasselbe gilt für Meiers Analysen im ZDF insgesamt, wo er als Ex-Referee überraschend wenig Verständnis für Laufwege und Taktik der Schiedsrichter offenbarte. Seine Analysen waren so befremdliche wie die These von den schlechten Schiedsrichter aus den kleinen Ländern.

Dieser Beitrag wurde unter Nationalmannschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.