Projekt Leipzig: Zum Feindbild geeignet? Eine andere Lesart des „modernen Fußballs“.

Über die guten alten Zeiten geraten fast alle langjährigen Fußballfans gerne ins Schwärmen: Volle Stadien, ausgeglichene Ligen, tolle Stimmung und Tradition pur. Fußballherz, was wolltest Du seinerzeit mehr?

Wenn ich mir die Zuschauerzahlen von damals bis heute ansehe, ergibt sich ein anderes Bild: Nie war die Bundesliga beliebter als heute. Die oft verpönte Kommerzialisierung hat dazu geführt, dass heute mehr Fußballfans denn je Spiele ihrer Teams im Fernsehen erleben können. Auch wenn ich die Kritik an den TV-gerechten Anstosszeiten durchaus teile, so richtet sich meine Kritik eher an der Frage aus, ob im Internetzeitalter wirklich Millionen an Gebührengeldern für die Sportschau sowie Champions League im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgegeben werden müssen. Sat. 1 oder ein große Anbieter im Netz können Fußballpartien auch ohne zu befürchtende Qualitätsverluste übertragen.

Die Dominanz des HSV oder von Borussia Mönchengladbach war vor einigen Jahren auch eindeutig, so wie sie es heute bei Bayern München der Fall ist. Aber wer weiß heute schon, wie die Bundesliga in fünf Jahren aussieht? Was bleibt, ist die Veränderung.

Die Stadien der ersten Liga sind zur WM 2006 vielfach um- und neugebaut worden, viele kleinere Vereine zogen nach. Nicht wenige Clubs verhoben sich dabei an zu großen Ausbauvorhaben: Aachen, Magdeburg, Bielefeld und Osnabrück sind nur einige Beispiele. Die Stadien wurden moderner, viele verloren aber aus meiner Sicht ihren Charme. Das alte Weserstadion zum Beispiel fand ich deutlich charaktervoller als nach dem Umbau. Kultstätten der dritten und vierten Liga besuche ich lieber als besenreine Hochglanzarenen der Fußball-Beletage. Trotzdem erfreuen sich die Arenen so großer Beliebtheit wie niemals zuvor. Die Stimmung sucht in vielen anderen Ligen der Welt ihresgleichen.

Viele Fußballfans bedauern, dass die Zahl der Traditionsclubs in den ersten Ligen abnehme Dieses Traditionsargument ist von allen Argumenten immer noch das originellste. Ich schätze Klubs wie den 1. FC Köln oder Kaiserslautern, deren Namen man mit großen Spielen und internationalem Fußball verbindet. Heißt aber Tradition, dass das Leistungsprinzip nicht mehr gelten soll? Spricht hier die Sehnsucht nach dem amerikanischen Modell, wo es keinen Auf- oder Abstieg mehr gibt? Gelten Sympathien mehr als sportlicher Erfolg? Warum sollen kleinere oder jüngere Vereine keine Chance haben, sich zu etablieren. Wo einer aufsteigt, muss auch einer absteigen. Aus die Maus.

Wo beginnt aber Tradition? Ist der 1. FC Köln ein Traditionsklub, obwohl er erst 1948 gegründet wurde? Ist Hoffenheim keiner, obwohl bereits 1899 gegründet? Ist ein Traditionsklub einer ohne Mäzen im Rücken? Der HSV fiele dann mit Herrn Kühne aus dieser Kategorie aus. Wo ziehen wir die Grenze zwischen erwünschtem Sponsoring und böser Kommerzialisierung? Diese Fragen können Vereine und Fans letztendlich nur gemeinsam beantworten.

Neues Feindbild weiter Teile der Ultrabewegung ist Rasenball Leipzig. Der Brauseverein wurde mit großer Unterstützung eines Unternehmens aus dem Amateurfußball in den Profibereich katapultiert. Ohne die Verpflichtung von Trainern und Managern mit großem Fußballsachverstand würden solche Investitionen aber überhaupt nicht fruchten. Und was unterscheidet eigentlich die Finanzspritzen von Bayer oder VW von denen von RedBull? Leipzig ist eine fußballverrückte Stadt. Ohne Profimannschaft fehlt der Stadt etwas. Wenn RBL diese Lücke schließt, kann man sich für die fußballbegeisterten Leipziger nur freuen. Das umgebaute Zentralstadion, immerhin WM-Stadion 2006, ist auf jeden Fall bundesligareif. Ebenso sind es Trainingsbedingungen, die Jugendarbeit und die Infrastruktur.

Die Entwicklung des modernen Fußballs und exemplarisch den Weg von RBL darf man gerne kritisieren. Ich mache das auch gerne- schließlich bin ich auch irgendwo Fußballnostalgiker. Andererseits sollte man auch die positiven Errungenschaften dieser Entwicklung nicht völlig ausblenden. Rasenball Leipzig wird ab dem Sommer wohl in der 2. Bundesliga spielen. Mal sehen, welche Traditionself dafür absteigt.

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