Profifußball der Männer: Es muss selbstverständlich werden, was selbstverständlich sein sollte

Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet. Das gefällt mir auf Facebook. Dabei ist es mir eigentlich egal, ob jemand homo- oder heterosexuell ist. Jeder soll nach seiner Überzeugung glücklich sein können, sofern niemand Schaden nimmt. Das gefällt mir. Mir gefällt auch, dass sich mit Hitzlsperger ein weiterer prominenter Fußballspieler offen zu seiner Homosexualität bekennt. Er könnte damit nämlich dazu beitragen, dass sich auch aktive Profifußballer nicht weiter verstecken müssen, sondern öffentlich zu ihrer Orientierung stehen können – sofern sie dies auch wollen.

Als sich die deutsche Fußball-Nationaltorhüterin Nadine Angerer vor ein paar Jahren als lesbisch geoutet hat, gab es keinen großen Aufschrei. Das kann beruhigen, jedoch auch damit zusammenhängen, dass weiblichen Fußballerinnen ohnehin häufig unterstellt wurde und wird, homosexuell zu sein. Bei den Männern sei das etwas ganz anderes, laut eine weit verbreitete Meinung: Da gäbe es einen Riesenskandal und Anfeindungen ohne Ende. Das Beispiel des ehemaligen amerikanischen Fußballnationalspielers Robbie Rogers hat jedoch gezeigt, dass nicht Empörung, sondern Applaus bei einem Outing überwiegen kann. Nach einem Rücktritt vom Fußballgeschäft ist Rogers mittlerweile wieder in den USA aktiv.

Mit Hitzlsperger hat jetzt ein ehemaliger deutscher Nationalspieler sein Coming-Out bekanntgegeben, der erst vor wenigen Monaten seine aktive Laufbahn beendet hat. Das bedeutet einerseits, dass sich noch kein aktiver Profispieler in Deutschland geoutet hat. Andererseits bedeutet es aber auch, dass Spieler sich mittlerweile schon kurz nach ihrer aktiven Zeit bekennen. Damit rückt der Abstand von Outings dichter an die aktive Zeit heran. Ein Hoffnungsschimmer.

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Profifußballer und ihre Trainer meinten, Schwule könnten im Männersport Fußball nicht bestehen und deshalb gebe es dort auch keine. Spätestens „Hitz – The Hammer“ hat dieses ohnehin unsinnige Vorurteil widerlegt. Es gibt jedoch auch Stimmen, die sagen, homosexuelle Fußballer würden sich auf dem Feld durch überharten Einsatz und besondere Härte hervortun, um sich nicht dem Verdacht der Homosexualität auszusetzen. Das mag es geben und das wäre schlimm. Nur ein tolerantes Umfeld in Fanszenen, Medien und übriger Gesellschaft wird diese Verkrampfungen lösen.

Thomas Hitzlsperger ist natürlich nicht der erste deutsche Fußballer, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Im Breitensport sind Outings schon häufiger vorgekommen, jedoch in der Regel nicht von öffentlichem Interesse. Auch im semiprofessionellen Fußball sind Outings bekannt. So schrieb der Sportbuchautor Ronny Blaschke ein empfehlenswertes Buch über das schwierige Versteckspiel des ehemaligen Erfurter Fußballers Marcus Urban.

Im Profifußball der Männer herrscht beim Thema Homosexualität Fußball hingegen Flaute. Das ist auch ok, sofern sich diese Profis nicht outen wollen. Sie müssen jedoch ein Versteckspiel eingehen, um nicht geoutet zu werden. Ein gleichgeschlechtlicher Kuss ist im Zeitalter von Handykamera, Papparazzi und Social Media schneller durch die Republik als dem Spieler und seiner Privatsphäre lieb sein kann. Insofern war das anonyme Interview eines schwulen Profikickers mit dem Jugendmagazin Fluter vor über einem Jahr eher ein Hilfeschrei als ein Ausruf von Zufriedenheit mit den Status Quo. Ein Versteckspiel mit der permanenten Selbstverleugnung gönnt man schließlich niemandem. Zu einem Outing gehört Mut, obwohl Gesellschaft und Fans in ihrer Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in den letzten Jahren schon deutlich offener geworden sind.

Müsste aber ein Spieler aus Halle, der bei einer Partie gegen Dynamo Dresden aufläuft, nicht mit Schmährufen aus der gegnerischen Fankurve rechnen? (Dieses Beispiel kann natürlich auch gerne als Diskriminierung ausgelegt werden). Ist die Mehrheit der aktiven Fans bereit, sich Vorurteilen und Diskriminierung gegenüber Homosexuellen in jeder Situation entgegenzustellen?

Sollte sich ein Spieler bei Werder Bremen als homosexuell outen, so würde ich in der Kurve für den Mut des Profis applaudieren und nicht pfeifen. Ich bin mir sicher, dass fast alle Zuschauer im Weserstadion es mir gleich tun würden. Applaus ist im Übergang als Honorierung des Mutes erforderlich, bis auch der Letzte begreift, dass Homosexualität Ausdruck persönlicher Freiheit und keine Bedrohung ist. An dieser Stelle möchte ich meine Skepsis am Begriff der „Homophobie“ ausdrücken. Ich gehe nicht davon aus, dass es sich bei denjenigen, die sich abfällig über Schwule und Lesben äußern, um Menschen mit einer krankhaften Angst handelt. Eher gegen eine Abneigung, die sich in Diskriminierung ausdrückt und ihre Gründe ganz woanders hat. Insofern ist der medizinische Begriff der Phobie hier nicht angebracht.

Der Deutsche Fußballbund hat mit seiner Broschüre „Fußball und Homosexualität“ bereits ein Zeichen gesetzt: Er ist bereit, aktive Amateure und Profis bei ihren Coming-Outs unterstützen. Das Interview von Thomas Hitzlsperger mit der Wochenzeitschrift Die Zeit, welche am morgigen Donnerstag erscheint, ist ein weiterer wichtiger Schritt hin zum Tabubruch Homosexualität im Profifußball der Männer.

Bei den Fußballerinnen und in anderen Sportarten sind die Aktiven und Zuschauer schon etwas weiter: Der Wintersportler Blake Skjellerup hat bereits angekündigt, sich auch bei der Winterolympiade in Sotschi offen zu seiner Homosexualität zu bekennen und für die Rechte von Schwulen und Lesben zu werben. Das ist nicht zuletzt aufgrund der russischen Repressionen gegen gleichgeschlechtliche Liebe mutig und bemerkenswert. Unsere weltweite Gesellschaft braucht mehr Rogers, Skjellerups, Angerers und Hitzlspergers  – damit ist egal ist, wer wen liebt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.