Handspiel-Diskussion: „Vergrößerung der Körperfläche“ irrelevant

Passives Abseits und absichtliches Handspiel sorgen unter Spielern, Trainer und Fans von der Bundesliga bis zur untersten Kreisklasse Wochenende für Wochenende für strittige Situationen und emotionale Reaktionen.

Viele Medienvertreter und Fans fordern daher ein Ende der Diskussionen durch eine klare und eindeutige Regelung. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine solche Regelreform, die Streitfälle ausschließt oder deutlich minimiert, ist nicht realistisch. Die populären Forderungen nach Abschaffung des passiven Abseits und einer Ahndung aller Ballberührungen von Feldspielern mit Hand oder Arm als Handspiel würden zu neuen Ungerechtigkeiten führen und damit das Spiel unverhältnismäßig beeinträchtigen. Ein gutes Beispiel für die Richtigkeit des passiven Abseits ist das Tor von Bayer 04 Leverkusen am Wochenende zum 1:1 gegen den FC Bayern München durch den in Kiel geborenen Sidney Sam, wobei Mitspieler Stefan Kießling am Pfosten lag, jedoch nicht aktiv ins Spielgeschehen eingriff.

Aufgrund strittiger Szenen vermeintlicher oder tatsächlicher Handspiele in den ersten Partien der neuen Bundesligaspielzeit machte das geflügelte Wort von der „Vergrößerung der Körperfläche“ die Runde, welche nach Einschätzungen und Forderungen von Journalisten und Zuschauern zwangsläufig zu Spiel- und persönlichen Strafen zu führen habe.

In den DFB-Fußballregeln ist von einer „Vergrößerung der Körperfläche“ jedoch überhaupt nicht die Rede. Nach Regel 12 und der Auslegung der Spielregeln und Richtlinien der FIFA für Schiedsrichter (DFB-Regelwerk, Seite 84f.) liegt ein Handspiel “vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt.“ Eine „Vergrößerung der Körperfläche“ ist demnach nur ahndungswürdig, wenn Absicht vorliegt. Unzweideutig eine Interpretationsfrage. Das ist aber auch richtig so, denn sonst wäre jede Ballberührung mit Hand oder Arm ein Handspiel und damit immer zu ahnden. Der vorsätzliche Versuch, dem Gegenspieler an den Arm oder die Hand zu schießen, würde einen neuen Reiz erfahren und somit neuen Unsportlichkeiten Tür und Tor öffnen.

Absichtliches Handspiel liegt vor, wenn die Hand bewusst zum Ball oder in dessen Flugbahn geht und die Entfernung zum Ball eine bewusste (Re-)Aktion des verteidigenden Spielers zulässt. Der Schiedsrichter hat dabei auch „die Position der Hand“ zu bewerten. „Unnatürliche Handbewegungen“ führen, sofern sie absichtlich erfolgen, ebenfalls zu einer Ahndung. Im Regelwerk wird richtigerweise klargestellt, dass „das Berühren des Balls an sich […] noch kein Vergehen“ darstellt. Eine Aussage, die vielen Stadionbesuchern generell und bei Entscheidungen zulasten ihres Vereins partiell nicht präsent zu seien scheint. Ein von einem Spieler geworfener Gegenstand (zum Beispiel ein Fußballschuh), der den Ball trifft, wird übrigens ebenfalls als Handspiel bewertet und geahndet.

Ein Handspiel kann neben einer Spielstrafe (Frei- oder Strafstoß) auch eine persönliche Strafe nach sich ziehen, muss es aber nicht. Verspringt einem Spieler im Mittelfeld der Ball und nimmt dieser die Hand zu Hilfe, um den Ball zu kontrollieren, so würde eine solche Aktion in der Regel keine Karte nach sich ziehen. Wird jedoch der Ballbesitz des Gegners eindeutig und verhindert oder unerlaubt ein Tor zu erzielen versucht, ist das absichtliche Handspiel mit der gelben Karte zu ahnden. Wird durch ein absichtliches Handspiel eines Feldspielers oder außerhalb des eigenen 16ers auch des Torhüters ein Tor oder eine klare Torchance verhindert, so ist neben der Spielstrafe auch ein Platzverweis angezeigt.

Die Schilderungen zeigen: Relevant ist im Grunde nur, ob ein Handspiel absichtlich und vorsätzlich erfolgt. Die vielzitierte „Vergrößerung der Körperfläche“ ist nur relevant, wenn Absicht oder Fahrlässigkeit vorliegt. Fahrlässigkeit würde ich unterstellen, wenn etwa ein Verteidiger mit absichtlich ausgebreiteten Armen eine Flanke oder einen Schuss zu blocken versucht. Ist die Armbewegung Teil der natürlich Lauf-, Grätsch- oder Sprungbewegung, so liegt keine Absicht vor. Diese Beurteilung ist immer im Einzelfall zu treffen. Je schneller und dynamischer ein Fußballspiel ist, desto schwieriger ist die Entscheidung, ob ein absichtliches Handspiel vorliegt. In den unteren Ligen sind Spiel und Bewegungen zwar langsamer, dafür sind die Schiedsrichter ohne Assistenten oder Zeitlupen jedoch auf sich alleine gestellt und damit auf freie Sicht und schnelle Auffassungsgabe angewiesen, um in Sekundenbruchteilen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das sind keine leichten Entscheidungen für die Referees, die für ihr Ehrenamt leider immer noch zuviel Kritik und zu wenig Anerkennung bekommen.

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