Vereint im Schland-Taumel

Der Abend begann mit einem deutsch-italienischen Zusammentreffen an der Haustür. Also heute sei er ja mal für Deutschland, sagte unser Nachbar, der sonst meist nur „Guten Tag“ sagt. Aber am Sonntag werde er wieder mit seinen Landsleuten mitfiebern – und im Halbfinale gegen Italien, das sei ja wohl auch klar, werde für Deutschland dann Schluss mit lustig sein. Mit einem verschmitzten Grinsen verschwand er im Haus, und wir stiegen aufs Fahrrad und fuhren los. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag bekamen wir mal wieder bestätigt: Wenn Schland bei einem großen Turnier im Einsatz ist, rückt man irgendwie mehr zusammen.

Beim Public Viewing in der Kneipe dann das gewohnte Bild: Deutschland-Trikots bei den Herren, Hula-Ketten und Schminke in Schwarzrotgold bei den Damen. Am Nebentisch führte eine etwa 17-Jährige das Wort, und die brachte unbestritten drei Dinge mit: Enthusiasmus, ein kräftiges Sprechorgan und eine erfrischende Unerschrockenheit vor Plattitüden. Zuweilen wurde sie gar ausfallend, wenn auf der Leinwand ein griechischer Spieler in Großaufnahme zu sehen war. Recht persönliche Bemerkungen zu Bärten und Frisuren der Betreffenden waren keine Seltenheit, fundiertes Fußballwissen schien demgegenüber eher nicht vorhanden.

Aber komischerweise war ich davon nicht so genervt, wie ich es sonst in solchen Fällen oft bin. Die Tischnachbarin hatte einfach einen zu hohen Unterhaltungswert. Vollends von ihrem komischen Talent überzeugt hatte sie mich, als sie beim 1:0 die Jubelpose der Kanzlerin mit erstaunlicher Präzision nachahmte. Der Wirt trug seinen Teil zur allgemeinen Verbrüderung bei, indem er anlässlich des Tores jedem Gast einen Kurzen ausgab und ankündigte, diesen Vorgang bei jedem weiteren deutschen Treffer zu wiederholen – was er auch einhielt.

Und während im gegenüberliegenden Gyros-Palast der Abend vermutlich eher ruhig ausklang, wurde vor unserem Lokal jedes vorbeifahrende und hupende Auto mit einem fröhlichen Schwenken der Schland-Flagge begrüßt, ähnlich der Zieleinfahrt bei der Formel 1. Alle standen draußen und freuten sich. Gut, dass wir die Stimmung ausgenutzt haben, denn am Donnerstag im Halbfinale gegen Italien ist ja bekanntlich Schluss mit lustig. Wenn die Italiener nicht schon vorher ausscheiden. Ich glaube, dann gebe ich unserem Nachbarn zum Trost einen aus.

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