Einig nur im Alkoholkonsum: eine Chronik des Versagens

„Es ist an der Zeit, einen Schnitt zu machen!“ – ein Satz wie in Stein gemeißelt. Er gehört ins Vokabular eines jeden Fußballfans, dessen Verein schon einmal in vermeintlichen oder ganz realen Turbulenzen gewesen ist. Kein Wunder also, dass auch mir seine Verwendung nicht fremd ist. „Schnitt“ klingt präzise, sauber und chirurgisch. „Schnitt“ klingt nach Rosenschere. Doch damit ist meinem FC nicht mehr zu helfen. Hier ist die Kettensäge gefragt.

Der Rückblick auf eine unfassbare Saison der Kölner speist sich allein aus den Erinnerungen. Jede Recherche würde mich erneut so sauer machen, dass ich den kurzzeitigen Verlust der Muttersprache befürchten müsste.
Zur Winterpause war noch alles ganz ok. Der 1. FC Köln stand mit 21 Punkten auf Platz 10 der Tabelle. Selbst das Torverhältnis von -8 war noch akzeptabel. Damals ahnte der Köln-Sympathisant noch nicht, dass in der kompletten Rückserie nur noch 9 Punkte hinzu kommen sollten und das Torverhältnis -36 anzeigen würde. Ein beispielloser Absturz ohne Gnade! Mannschaft und Verein haben in der Rückrunde geradezu um den Abstieg gebettelt. Eine Chronik des Versagens…

Den ersten Schlag mussten Verein und Mannschaft schon kurz vor der Winterpause 2011 hinnehmen: Wolfgang Overath und seine Vizepräsidenten traten überraschend zurück. Sie trafen den Verein völlig unvorbereitet und bescherten ihm eine fünfmonatige Phase der Ungewissheit. Das sportliche Abschneiden der Mannschaft beschleunigte die Suche nicht wirklich, erst im April 2012 standen die Nachfolger fest.

Trubel auch in der Führungsebene darunter. Volker Finke, nachdem er Frank Schaefer in der vergangenen Saison weggemobbt und die Mannschaft selbst als Trainer vor dem Abstieg bewahrt hat, zog sich wieder auf den Sportdirektorenposten zurück. Er verpflichtete seinen „Wunschtrainer“ und ließ das die Welt auch gerne wissen. Doch schon Wochen später erste Risse zwischen dem  Sportdirektor und „seinem“ Trainer, die sich bis Mitte der Rückrunde zu einer tiefen Kraterlandschaft verwandelten. Finke versuchte das alte Spiel – verdeckt oder in aller Öffentlichkeit Informationen an die Medien durchstecken und damit den Trainer schwächen – doch Stale Solbakken war ob seiner sympathischen, unaufgeregten Art bei Fans, Boulevard und Poldi beliebt. Finke verzockte sich und musste gehen.

Einer der wenigen Schritte des Vereins in dieser Saison, der mir mal gefallen hat: die Interimsvereinsführung erlag nicht der Verführung von Finkes Intrigenspiel, sondern stärkte dem Trainer gegenüber Sportdirektor und Mannschaft den Rücken. Schade nur, dass es für einen Trainer nicht reicht, nur sympathisch zu sein. Solbakken konnte der Mannschaft seine Spielphilosophie nie vermitteln – oder er war nicht bereit, sie den Fähigkeiten des Kaders anzupassen. Der Norweger musste gehen, Frank Schaefer sollte die Kohlen aus dem Feuer holen. Eine wirkliche Chance hatte er nicht. Was bleibt, sind verbrannte Finger und der nächste Abstieg.

Auch bei den spielenden Arbeitnehmern lief es bekanntlich alles andere als rund – weder auf dem grünen Rasen, noch daneben. Von „Mannschaft“ zu sprechen, verbietet sich. Haben es die Spieler doch geschafft, in einer gesamten Serie nicht ein einziges Mal zu einem Team-Abend zusammen zu kommen. Seltsam, waren sich die Individualisten doch in einer Sache scheinbar einig: dem Alkoholkonsum.

Der in dieser Saison hoch motivierte Milivoje Novakovic feierte auf einer Karnevalsfeier, die Winterpause war zu diesem Zeitpunkt schon lange beendet, bis zum Morgengrauen.
Miso Brecko zeigte mehr Verstand und fuhr pünktlich nach Hause. Da er von einigen Kölsch genascht und etwas Probleme beim Spurhalten hatte, folgte er einfach der S-Bahn-Linie nach Hause – mit dem X5 auf den Schienen.
Davon hatte Slawomir Peszko gelernt. Er setzte sich nach einer durchzechten Nacht gar nicht erst ins Auto, sondern nahm das Taxi. Allerdings hatte ihm wohl niemand gesagt, dass sich der Fahrpreis nicht drücken lässt, in dem man einfach ein paar Mal kräftig auf den Taxameter kloppt. Gut, dass es die Freunde und Helfer in Uniform gibt, die haben ihm das Prinzip noch einmal in Ruhe erklärt – durch die geschlossene Tür der Ausnüchterungszelle.

Und letztlich zu den „Fans“: Was einige von ihnen in der abgelaufenen Saison veranstaltet haben, macht mich fassungslos. Ich habe mich mehrfach geradezu geschämt, FC-Fan zu sein: Ein Bus mit Gladbach-Anhängern wird gewaltsam von der Autobahn gedrängt und mit Steinen beworfen, zwei so genannte „Fans“ brechen dem Leverkusener Michal Kadlec nach einem Diskobesuch das Nasenbein und beim letzten Saisonspiel zünden Chaoten noch vor Spielende Rauchbomben – und das bei Poldis Abschiedsspiel. Das war einfach nur erbärmlich! Solche „Fans“ braucht kein Verein! Sie bringen die gesamte Anhängerschaft in Verruf. Glücklicherweise ist die Mehrzahl vernünftig, fiebert mit dem Verein und geht mit ihm auch in die zweite Liga – ohne gleich die Schals bei ebay zu verticken.

Das macht leise Hoffnung. Die muss erlaubt sein, ist sie doch das Lebenselixier eines Kölners. Ein ehemaliger Konzernmanager als neuer Präsident, ein früherer Weltklasse-Torwart und FC-Idol als Vize und ein kommender Trainer, der auch in schwierigem Fahrwasser Kurs halten kann – nix bliev, wie et wor! Und montagabends mal wieder interessante Kicks zu sehen, ist doch auch nicht schlecht…
 

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